Musiklegenden des Ostens - jot w.d.-Serie. Teil 7

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser - also in den 50er, 60er und 70er Jahren - Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und vielen anderen. Wir setzen heute unsere Serie mit der Schlagersängerin Brigitte Rabald-Koll fort. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

Brigitte Rabald-Koll

"Heimweh nach Leipzig"

1955 machte eine junge Leipziger Sängerin Furore. Mehr als 10 000 Leser einer großen Tageszeitung wählten Brigitte Rabald zur beliebtesten Schlagersängerin der DDR. Einer ihrer größten Hits hieß: "Mein Herz, das ist total verwirrt". Und das war es in der Tat. Sie verliebte sich in den Leipziger Komponisten und Orchesterleiter Alo Koll. 1956 wurde Hochzeit gefeiert. Die Familie ging 1982 in den Westen. Vor vier Jahren kehrte die Sängerin, die im vergangenen Jahr ihren 70. feierte, in ihre Heimatstadt zurück.

Brigitte Rabald-Koll (70) im Oktober 2004 in ihrer Leipziger Wohnung

Frau Rabald-Koll, was war der Grund Ihrer Rückkehr?

Ein ganz einfacher: Heimweh. 1982 waren wir aus der DDR ausgereist, nach Aachen, in die Heimat von Alo. Drei Jahre mussten wir auf die Ausreisegenehmigung warten. Zwei Jahre darauf, 1984, starb mein Mann. Ich fühlte mich einsam und folgte später meiner Tochter nach Florida, wo sie mit ihrem Mann und meiner heute 11 -jährigen Enkelin lebt.

Mit Heinz Quermann

 

 

 

Was verbindet Sie mit Leipzig?

 Mein Sohn lebt hier mit seiner Familie, nur ein paar Straßen entfernt von meiner jetzigen Wohnung. Hier bin ich zur Schule gegangen, hier lernte ich meinen Mann kennen. Und hier begann meine Karriere als Sängerin.

Wie wurden Sie entdeckt? Damals waren Sie ja gerade erst 17?

Ich war Lehrling bei der HO, nahm nebenbei Gesangsunterricht bei der Mutter von Frank Schöbel. Meine Eltern nahmen mich eines Tages mit zum Tanz ins Forsthaus Raschwitz. Dort spielten die damals berühmten Kapellen Kurt Henkels und Alo Koll. Als es wieder mal hieß "Je ka mi" (Jeder kann mitmachen), traute ich mich und sang, begleitet vom Orchester Alo Koll. Das hörte Kurt Henkels. Er sagte zu Alo: "Schick mir die Kleine doch mal ins Funkhaus."

Im Funkhaus Leipzig haben Sie dann wohl Ihre ersten Titel aufgenommen?

 Ja. Die hießen "Sei nicht so stolz" und "Reg dich nicht auf. Doch das war leichter gesagt als getan, denn ich war furchtbar aufgeregt, brachte zuerst kein Wort raus. Danach ging alles Schlag auf Schlag. Ich wurde bei Kurt Henkels und beim Orchester Alo Koll engagiert.

Ein Engagement, das auch private Folgen hatte?

"Wer jung ist, der verliebt sich", hieß nicht nur einer meiner Titel. Ich verliebte mich in Alo, obwohl er 22 Jahre älter war. Im August 1956 heirateten wir, 1957 wurde unser Sohn geboren, fünf Jahre darauf meine Tochter.

Haben Sie nicht Sehnsucht nach Tochter und Enkelin, die Sie selbst mit aufzogen?

Deshalb hab ich mir auf meine alten Tage noch einen Computer angeschafft. Jeden Tag gehen Mails zwischen Leipzig und Florida hin und her. Wir besuchen uns häufig.

Die 70 sieht man Ihnen keinesfalls an. Wie machen Sie das nur?

Ich fühl mich wohl in Leipzig und in meiner schönen Wohnung mit Blick auf den Zoo. Ich habe gute Freunde, reise gerne, lese viel, trainiere mein Gedächtnis mit Kreuzworträtselraten.

 Ingeborg Dittmann

Weshalb sind Sie nicht in Amerika geblieben?

Es ging mir gut, ich hatte keine Not, aber ich bin dort nie richtig heimisch geworden. Wenn man hinter die Fassaden schaut, entpuppt sich der Mythos vom "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" als Trugschluss. Man kann dort sehr schnell ohne Schuld in der Gosse landen. Wenn man bei jedem Arztbesuch 35 Dollar zahlen muss und - wie es mir passierte - für eine Nacht im Krankenhaus eine Rechnung von 5000 Dollar präsentiert bekommt, weiß man die soziale Sicherheit in Deutschland zu schätzen.

 

B. Rabald mit dem Orchester Alo Koll 1955.

Fotos: Dittmann/Archiv