Oma will nicht zahlen

Kabarettistin Dagmar Gelbke erlebte einen deprimierenden Jahreswechsel

Dass Weihnachten auch zum Fest der Depressionen werden kann, habe ich nunmehr erlebt, denn meine wohlverdienten FFF-Tage (Faulenzen, Fressen, Fernsehen) wurden überschattet von unserer Weihnachtsgans. Nicht etwa, weil sie zäh war, nein, sie kam frisch aus deutschen Landen, kein mehrmals eingefrorenes Gammelfleisch also, denn mein Kabarett-Kollege Michael Ranz vom „Kartoon“ , in wahrer Bestimmung eigentlich Landwirt, hatte sie geliefert. Aber Stein des Anstoßes für unsere 90jährige „Oma“ war ihr stattlicher Preis. Nun muss man wissen, dass meine Mutter all die Energie, die sie früher auch in ihren Muskeln hatte, in ihr Mundwerk verlegt hat. Sie kann kaum noch laufen, aber sie denkt und formuliert schärfer denn je. Dass eine 5 Kilo-Gans zu DM-Zeiten mal 60 Mark gekostet habe, okay, schon das sei nicht gerade preiswert gewesen. Aber 60 Euro (das waren 120 Mark), das sei noch nie da gewesen in Deutschland, sagt Oma. „Und ich kenne Deutschland unterm Kaiser, den Nazis, den Kommunisten bis hin zu den heutigen Verbrechern.“

Sprach’s, weigerte sich, von dem Luxustier auch nur ein Stückchen anzurühren und beklagte sich, dass ich sie an ihrem wohl letzten Weihnachten im Leben verhungern lassen würde. Jedenfalls hatte Oma über die Feiertage kein anderes Gesprächsthema, tagelang. Und Toni, der kleine Kater meiner Tochter Paula, hat sich mit Oma solidarisiert. Heroisch verschmähte er die angebotene Gänseleber und begnügte sich mit Trockenfutter von ALDI. Was ihm aber nicht Omas Hinweis ersparte, man könne mit dem Geld für das monatliche Katzenfutter ein Kind in Afrika ein Jahr lang zur Schule schicken. Nun sitze ich in einem Internet-Café im Kaiserbad Heringsdorf (Kaiserbad, welch‘ Chauvinismus), um diese Neujahrsgrüße an alle jot w.d.-Leser zu formulieren. Ich hatte gehofft, der Gänsebraten wäre verdaut und unbeschwerte Tage lägen vor mir, bevor es wieder in die Proben für die im Februar geplante Kabarett-Premiere bei den „Oderhähnen“ geht. Doch unsere Oma verweigert sich gerade dem Frühstücksbuffet in unserem - im Vergleich zu Mallorca preisgünstigen - Hotel direkt an der Seebrücke. 8 Euro für ein Brötchen mit Butter und Marmelade, ein gekochtes Ei und eine Tasse Kaffee, nein, das ist mit Oma nicht zu machen. „ Ich unterstütze diese Verbrecher nicht!“ Die neue Dauerwelle für 80 Euro hat sie ebenfalls verweigert, die Silvesterparty – zwischen 85 und 165 Euro pro Person - und das Neujahrskonzert für 42 Euro sowieso.

Man kann Oma keine Freude mehr machen, und das deprimiert mich. Denn irgendwo hat Oma ja recht. Sie, die laut „ Armuts- und Reichtumsbericht“ des Bundeskabinetts vom März 2005 zu den Armen dieses Landes gehört, weil sie im Monat weniger als 938 Euro zur Verfügung hat, wird den kapitalistischen Regierungen dieses Landes die Verdopplung der Verbraucherpreise seit der Euroeinführung niemals verzeihen. „Meine Rente hat sich ja auch nicht verdoppelt.“

Dass die Preisschraube für die Armen in diesem Land mit der neuen Bundesregierung noch fester angezogen werden wird, u.a. durch die bevorstehende Mehrwertsteuererhöhung, darüber will sie aber nicht mehr nachdenken unter dem Motto „Das muss ich Gott sei Dank nicht mehr erleben!“ „Außerdem“ , sagt sie, „gehöre ich ja nun zu den 13 Prozent , die in Deutschland arm sind. Dem Rest muss es richtig gut gehen, wenn er sich das alles leisten kann..“ 8 240 000 arme Menschen in Deutschland, was ist das schon.

Übrigens werde ich immer mehr wie Oma; auch das deprimiert mich. Neulich wurde ich ins Restaurant-Theater „Pomp Duck & Circumstances“ am Gleisdreieck in Berlin eingeladen. Dort kostet die Eintrittskarte inklusive Essen 120 Euro, und es kann Dir passieren, dass in dekadenter Manier Slapstick-Künstler mit nackten Fingern in Deinem teuren Essen rummanschen. Das soll wohl komisch sein, aber der frühere Fürst von Monaco, Rainier, hat einem der Artisten dafür eine Maulschelle verpasst.

Auf dieser Erde verhungert alle zwei Sekunden ein Mensch. Ich habe die Einladung abgelehnt. Tja, schade. Der Mann, der sie aussprach, hatte mir eigentlich gefallen.

Schade? Nee, das Jahr fängt doch erst an! Es ist ein Jahr des treuen Hundes, bei den Chinesen gilt dieses Sternzeichen als zuverlässig und grüblerisch. Na dann, wollen wir mal grübeln, wie zuverlässig wir Deutschen in diesem Jahr weiter auf den Hund kommen. Prost Neujahr!

Eure Daggie Gelbke