Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 19

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorstellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er und 70er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und vielen anderen. Wir setzen unsere Serie heute mit der Hellersdorfer Sängerin Barbara Kellerbauer fort. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

Barbara Kellerbauer

Eigenwillig sein wie Gershwin

Lieder, Texte und Chansons um Anmut, Eigensinn und andere Unzulänglichkeiten sind in einem heiteren literarisch-musikalischen Programm zu erleben, das ganz für die Katz ist. Genauer gesagt, über die Katz, dieses eigenwillige, faule und doch hellwache, verschmuste, raffinierte und stolze Wesen. "Ich wäre gerne meine eigne Katze" überschreibt die Kaulsdorfer Sängerin Barbara Kellerbauer denn auch ihr neues Bühnenprogramm, das sie gemeinsam mit Tochter Johanna und dem Pianisten Thomas Heyn bestreitet. "Schuld" an diesen wunderbar leicht und heiter daherkommenden Versen und Liedern ist Gershwin, der "Herr" im Hause Kellerbauer. Katzenfreunde ahnen es längst: Nicht der große Komponist, sondern ein schwarz-weißes Samtpfötchen gab die Inspiration. Literaten von Weltrang schrieben dicke Bücher über unsere liebsten Haustiere. Barbara Kellerbauer, die Chansonette, tut's auf ihre Weise: sie singt und rezitiert, schnurrt und miaut, dass selbst Gershwin vor Neid erblassen würde.

Seit mehr als 40 Jahren steht die in Freiberg/Sachsen geborene Sängerin auf der Bühne. Schon mit 16 wurde sie von Heinz Quermann als "junges Talent" entdeckt. Erwarb sich ihr Handwerkszeug als Gesangspädagogin mit den Schwerpunkten Chanson und Musical an der Dresdner Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber". Mit eigenem Ensemble gab die junge Sängerin seit Anfang der 70er Jahre nicht nur Konzerte von Rostock bis Suhl, sondern auch in ganz Europa und Teilen Asiens. Vielen ist die vielseitige Künstlerin sicherlich noch als Gastgeberin der Reihe "Lieder, Land und Leute" des DDR-Fernsehens in guter Erinnerung.

 Trotz internationaler Erfolge und Festivalpreise war es für die Künstlerin (die vor 25 Jahren in Kaulsdorf, am Rande der Großsiedlung Hellersdorf, ihre Heimat fand) nach der Wende nicht auch in einfach, ihren Beruf weiter auszuüben. Da ging's ihr nicht anders als den meisten ostdeutschen Künstlern.

Angebote von den neuen Rundfunk- und Fernsehsendern oder den großen Veranstaltungshäusern blieben aus. Für eine, die ihren Beruf so liebt wie Barbara Kellerbauer, kein Grund aufzugeben. So entstand 1992 die Idee zu einem ganz neuen Programm. Gemeinsam mit Annekathrin Bürger, Uschi Brüning, Carola Nossek und zwei Musikern ging sie auf Tournee. "Vier im Konzert" nannte sich die Mischung aus Chanson, Jazz, Klassik und Schauspiel. Nebenher bestritt sie eigene Konzerte, mit Songs von Brecht/Weill, Eisler und eigenen Liedern. Nach der 1989 erschienenen LP "Es ist nicht leicht, mit Dir zu leben" - mit Texten von Gisela und Kirsten Steineckert, Heinz Kahlau, Eva Strittmatter oder Wolfgang Tilgner - liegen inzwischen auch zwei CD's auf dem Tisch. In diesem Jahr will die Künstlerin mit Tochter Johanna (25) ein Heine-Brecht-Programm gestalten. "Ach, was sind wir doch romantisch" soll eine Verbeugung vor den beiden großen Dichtern sein, deren runde Todestage - Brecht (50), Heine (150) - in diesem Jahr anstehen.

 

Barbara Kellerbauer bei einem Auftritt in ihrem/unserem Bezirk und auf einem Bild ihrer 89-er LP.

Fotos: Nachtmann, Archiv

In unserem Bezirk kennt man die Kellerbauer nicht nur als Sängerin und Moderatorin der monatlichen Talkshow "Wenn die Neugier nicht wär" im Freizeitforum Marzahn. Seit vielen Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich im bezirklichen Kulturbeirat und im Kulturausschuss der BVV für den Erhalt von Kiezkultur und für ihre Künstlerkollegen aller Sparten. Im Humanistischen Verband begleitet die Künstlerin seit 10 Jahren Jugendfeiern im Friedrichstadtpalast oder im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Vor zwei Jahren wurde sie zur Präsidentin des Kulturbundes gewählt.

Bleibt da noch Zeit für Haus und Hof, für Hobbys, einen Spaziergang mit Tochter und Lebensgefährten? Sie seufzt und gesteht: "Naj , manchmal wäre ich schon gern meine eigne Katze."

Ingeborg Dittmann