Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 30

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe mit "Gotte" Gottschalk, dem Sänger der "Tagesreise", fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

Heinz-Jürgen Gottschalk

 Er singt die "Tagesreise" heute noch

Vielleicht hätte er ein berühmter Turner werden und vielleicht Olympiamedaillen holen können. An der Kinder- und Jugendsportschule Erfurt galt Gotte, wie er von Freunden genannt wird, als hoffnungsvolles Talent. Doch dann verfielen er und sein Mitschüler Jürgen Kerth dem Beatlesfieber. Noch an der Schule formierten sie eine Gitarrenband und gaben als 14-Jährige ihr erstes Konzert bei einer Silvesterparty. Sie gründeten die „Spotlights“, mussten sich wenig später auf höheren Geheiß umbenennen.

Doch auch als „Rampenlichter“ erhielten die Jungs bald Spielverbot. 1968 gründet Gotte mit ein paar Freunden die „Nautics“. Anfang der 70er wird auch diese Band verboten. Der Erfurter, der inzwischen die Texterin Karola geheiratet hat (mit der er noch heute verheiratet ist), studiert an der Musikhochschule Weimar, wird 1973 von Bernd Römer (Karat) nach Berlin geholt und wird Sänger der legendären Horst- Krüger-Band. Deren größter Hit, die „Tagesreise“ (Komp. Micha Heubach), wurde später (und bis heute) von vielen Bands nachgespielt. Gotte brachte auch Tamara Danz (später Silly) zu Krüger. „Ich hatte sie schon als 12-Jährige kennen gelernt“, sagt er.

Mehr als ein Viertel Jahrhundert her: Gotte 1981.

 Foto: nl-Archiv

Gotte bei seinem Auftritt 2006 in Hellersdorf.

Foto: Nachtmann

Gemeinsam mit Musikern wie Micha Behm, Axel Donner und anderen gründet er 1976 die Gruppe „Neue Generation“. 1980 besinnt sich der Sänger auf seine Songwriter-Qualitäten und entscheidet sich für eine Solokarriere. Vier Jahre darauf erscheint sein erstes Solo-Album bei Amiga „Wenn ich auf dem Rücken lieg“ mit einer Mischung aus Pop-, Rock- und Reggae-Songs. „Es lief gut, zuweilen hatte ich 15 Auftritte an einem Tag“, erinnert er sich. Im Sommer 1985 kehrt Gotte nach einem Auftritt in Westberlin nicht mehr zurück und geht nach München. Seine Frau darf mit den beiden Kindern erst drei Jahre später nachkommen. Als ein im Westen unbekannter Sänger fällt es ihm schwer, musikalisch wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Doch allmählich macht er sich als Studiomusiker für Künstler wie Gaby Albrecht, Patrick Lindner, Rex Gildo, Nicole oder Jürgen Drews unentbehrlich. Sein zweites Standbein: Chorsänger bei Studioproduktionen und bei Synchronisationen von Filmen (z.B. ist er die Singstimme von Gonzo in den Muppet-Filmen).

Eine schwere Erkrankung Ende der 90er Jahre zwingt den Musiker zur Umorientierung. Er besinnt sich auf seine musikalischen Wurzeln, kehrt 2002 auch wieder in seine Heimat Erfurt zurück. Seitdem tourt er wieder als „Ein- Mann-Unternehmen“ durch die Klubs, zuweilen auch mit Ex-Nautics-Mitstreitern oder mit der Band „Vital“. 2005 wird auf dem Erfurter Domplatz seine Suite „Erfordia“ gemeinsam mit dem Orchester der Thüringer Philharmonie aufgeführt.

 2006 zieht es den Thüringer, vor allem wegen der beiden Kinder und der Enkel, in die Hauptstadt. Mit seiner Frau Karola lebt er nun am Rande von Berlin im Grünen. Wir erlebten Gotte unlängst im Cafe 13 an der Hellersdorfer Promenade im wahrsten Sinne des Wortes als Ein-Mann-Kapelle mit Mundharmonika, Gitarre (der er auch Töne verschiedener anderer Instrumente zu entlocken weiß) und natürlich mit seinem unverwechselbaren Gesang. „Ich bin ein altes Rockfossil“, meinte der 58-Jährige und stimmte sogleich „Yesterday“ von den Beatles an.

Aber auch eigene Songs wie „Der Regenmacher“, „Traum vom Baum“ „Am Morgen“, Schür’ das Feuer“ oder „Lied für einen Freund“. Totale Überraschung im Publikum, als Gotte den Gefangenenchor aus Nabucco anstimmt – auf italienisch natürlich. Gotte ist halt immer wieder für Überraschungen gut.

Ingeborg Dittmann