Jeder hat seinen eigenen Glücksfaktor

Unsere Autorin, die Kabarettistin Dagmar Gelbke, wird zum Jahresanfang besinnlich

Die Frage nach dem Glück ist doch wirklich schwierig zu beantworten. Laut Horoskop sollte 2007 für mich ein Glücksjahr sein, aber es plätscherte still und friedlich dahin, hatte, abgesehen von meinen vielen Kurzreisen, keine wirklichen Höhepunkte, aber auch keine Katastrophen wie 2006, als Omi starb. Vielleicht war das ja auch schon Glück. 

Allerdings habe ich das mit dem glücklichen still-und-friedlich- Leben bis vor Weihnachten noch ein wenig anders gesehen. Denn im April war meine Tochter wieder bei mir eingezogen, und das war erst mal so was wie eine Bremse für mein neues Leben ohne meine Mutter. Aber mit ihrem köstlich trockenem Humor meinte Paula: „Sieh’s als deine Berufung: Früher hast du Oma versorgt, jetzt versorgst du mich.“ Nun stehen alle Möbel aus Paulas Wohnung dort, wo ich – auch mit Hang zum Sammeln geboren – endlich Ordnung schaffen und entrümpeln wollte. Ihre Kosmetika und täglich mindestens drei benutzte Handtücher blockieren mein Bad, ihre drei Gitarren das Wohnzimmer, ihre 30 Paar Schuhe, zwanzig Rucksäcke und Taschen mein Speisezimmer, in dem nun übrigens auch ihr Bett steht. Und ihre mindestens 300 Tops und Pullover (die in den nicht ausgepackten Koffern gar nicht mitgerechnet) sind über alle meine Schränke und Wäschekörbe verteilt. Und Paulas Kater hat anfangs regelmäßig auf die erst im Januar gekaufte weiße Eckcouch gepinkelt.

An Hilfe in Haushalt oder Garten war auch nicht zu denken, das Kind arbeitet ja schwer in einem stressigen Büro am Potsdamer Platz und muss nebenbei noch internationale Auftritte bei Poetry Slams absolvieren. Fern sehen durfte ich, wenn sie schlafen gegangen war, nur noch mit Kopfhörern, weil es sonst zu laut für sie war. Die Telefone wurden abgestellt, damit sie am Wochenende ausschlafen konnte. Meine Freunde mit ihren nervenden Fragen, ob denn für sie nicht endlich ein Kerl gebacken würde, sollten möglichst nur vorbei kommen, wenn sie nicht da war. Ein Mann im Hause kann nicht schlimmer sein.

 Natürlich hätte ich, wie viele meiner Freunde rieten, mit der Faust auf den Tisch hauen und vor allem Miete verlangen können. Aber ich kenne mein Kind – der Groschen wird schon noch fallen, glaube ich ganz fest. Wie war ich denn in ihrem Alter? Ich habe mit Ende Zwanzig kaum darüber nachgedacht, wie meine Mutter, gerade Witwe geworden, zurecht kommt. Ich hab meine Sicht vom Leben auf sie übertragen: Wir Weiber haben Kraft, frau braucht niemanden wirklich. Wenn er da ist und hilft, ist es prima, aber es geht auch ohne ihn. Ob sie, meine Mutter, dazu die Kraft hatte, war nicht mein Problem – im übrigen, sie hatte sie. Neulich, nach einem unserer vielen gemeinsamen Kinobesuche, fragte Paula, wie ich das ein Leben lang geschafft hätte, täglich von Schönefeld bis ins Zentrum zu fahren, manchmal mehrmals am Tag. Oder wie ich es nach der Wende ausgehalten hätte: tagsüber Zeitarbeit im Büro und abends Kabarett im „Kartoon“, mit nur einem spielfreien Abend in der Woche. Okay, ohne Oma wäre das nicht so glatt gegangen. Aber na bitte, das Kind macht sich doch Gedanken …

Als mir dann endlich die Erleuchtung kam – den Glücksfaktor des vergangenen Jahres betreffend - fragte ich meine Tochter: „Willst Du wissen, warum 2007 doch ein Glücksjahr für mich war?“ Antwortet sie doch: „Weiß ich. Weil ich bei dir gewohnt habe.“ Und Recht hat sie! Ist unsere Jugend nicht wunderbar?

Das Jahr des glücklichen Schweins endet übrigens erst am 6. Februar, wenn Paulas neue Wohnung bezugsfertig ist. Bis dahin können wir noch das Seelenglück genießen. Aber dann kommt auch schon die kluge Ratte und bringt uns allen viiiiiiel Geld!

In diesem Sinne: Alles Gute für 2008.

Eure Daggie