Kein Blick zurück im Zorn

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin erlebte das Jahr 2008 mit mehr positiven als negativen Gefühlen

Mein Freund Wolfgang, der Pander, ist wohl der einzige Mensch, den ich kenne, der es alljährlich schafft, in seinen Grüßen zum Jahreswechsel über das vergangene Jahr ausführlicher zu reflektieren. Wie schrieb er doch gleich: „Wieder mehr Verluste, nicht nur finanzieller Art, wieder weniger Hoffnung auf Frieden in der Welt. Aber: Kinder, wir leben noch! Nur das zählt!“ Also habe ich mich entschlossen, allen jot w.d.-Lesern eine frei ergänzbare Liste anzubieten, um dem vergangenen Jahr nachvollziehbares Gewicht zu verleihen – mit guten und weniger guten Gefühlen, den Kehrseiten der unbezahlbaren Münze, die „Leben“ heißt! 

Meine wichtigsten Erlebnisse im Jahre 2008 waren im Zusammenhang mit: 

Trauer: Mein Freund Peter, gerade mal 70 geworden, ist gestorben. Das war der allerschlimmste Einschnitt in diesem Jahr: Peter ist durch nichts zu ersetzen. Gott sei Dank habe ich ihm das schon zu Lebzeiten oft gesagt. 

Stolz: Meine Tochter hat den Augsburger Brechtwettbewerb gewonnen, in beiden Kategorien: Original und Nachdichtung. Das gab’s noch nie! Und dazu noch von einer Frau! Und gerade eben ist ihre erste CD mit einer interessanten Mischung aus Slam Poetry und Drum&Bass auf den Markt gekommen (www.pehland. de). Sie hat dort alle Texte und alle vocals selbst geschrieben und gesungen. 

Enttäuschung: Habe wieder ein paar Freunde besser kennengelernt – und aufgegeben. Alles hat seine Zeit. Mit den anderen rückt man umso enger zusammen. Fast alles hat eine positive Seite. 

Angst: Die ist schlimmer geworden, seit Peter so plötzlich von uns ging: Angst vor Krankheit im Alter. Vor Armut im Alter. Obwohl ich mich ja täglich auf meine „ceragem“-Liege lege und dadurch mindestens bis 100 arbeitsfähig bleiben werde. 

Eifersucht: Gott oder wem auch immer sei Dank: Kein Grund dazu. Weil kein Partner vorhanden. Herrlich, dieses Gefühl, frei zu sein! 

Glück: Meine Tochter hat Arbeit. Ich habe Arbeit. Und es scheint so, als seien wir gesund. 

Wut: Zu oft, meist über bürokratische Vorgänge in diesem Land und meine Hilflosigkeit, etwas verändern zu können. Über Filme auch. Bitte bloss nicht in „1 ½ Ritter“ gehen. Über meine ständige Suche nach den Schlüsseln und der Brille. Die kann man doch vielleicht endlich mal immer an den selben Platz legen. 

Freude: Meine kleinen Reisen. Budapest, Dublin, Sofia, Valencia. Der Publikumserfolg. Das Weihnachtsliedersingen in Paulas Küche. Ein sudanesisches Essen mit Wolfgang. Das Spinatritual mit Uwe. 

Liebe: Ich liebe meine Tochter und einen nicht genannt sein wollenden „alten Mann vom anderen Ende der Stadt“ (er ist 48!), den ich in diesem Jahr nur einmal gesehen habe. Aber beide zu nehmen und zu lassen wie sie sind, bringt ein großes und schönes Gefühl der Bedingungslosigkeit und des Vertrauens. 

Dankbarkeit: Zwei männliche Wesen sind auf mich zugekommen, um mit mir künstlerische Projekte zu entwickeln. Gert Kießling, der grandiose Distel- Kabarettist, und Francois Brunet, ein junger Musical-Akteur (z.Z. in „Mamma Mia“ am Potsdamer Platz zu sehen). Und ich muss mich zum ersten Mal im Leben eigentlich um nichts kümmern; sie organisieren und organisieren und ich brauch nur zu machen. Noch immer darf ich hier meine Kolumne schreiben. Und meine „Oderhähne“ mit Wolfgang Flieder an der Spitze haben mich wieder ein ganzes Jahr lang über Wasser gehalten. 

Wünsche: Mehr Zeit mit meiner Tochter. Aber da bin ich wohl etwas maßlos. Aus ihrer Sicht heraus meint Paula nämlich, wir wären schon wie ein altes Ehepaar, so oft wie wir ins Kino gehen. 

Mut: Das angefangene Studium der Kulturwissenschaften in Hagen. Der Lehrgang für Synchronbuchschreiber. Das Nachdenken, diese Kolumnen in einem Buch zu veröffentlichen. Ich habe noch nicht aufgegeben. 

Und so könnte man noch endlos auflisten, was Leben 2008 war, was einem im Zusammenhang mit den Dingen des Lebens noch passiert ist. Ich denke bei mir da an Stichworte wie: Falten, Fahrerlaubnis, Freundschaft, Geld... Und dann kommt natürlich die Liste der unerledigten Aufgaben, die da mahnt: Es gibt viel zu tun in 2009! 

In diesem Sinne viel Kraft, Gesundheit und Gelassenheit 

Eure Daggie Gelbke