Wie wird das Jahr 2010?

Eher Koma als Entwicklung

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke ärgert sich über die Ignoranz der Mächtigen und erinnert sich an schöne Stunden im vergangenen Jahr

Das neue Jahrzehnt beginnt verlogen. Schnee in der Neujahrsnacht. Als gäbe es die globale Erwärmung nicht. In meinem Garten wirkt alles verzaubert wie im Reich der Schneekönigin. Warum muss ich jetzt an Angela Merkel denken? Und geballert wurde auch, als wäre die Finanzkrise überstanden. Dazu fällt mir dann Barack Obama ein, den ich altes Orakel schon zum Jahresbeginn 2009 eher als Klon, denn als Messias beschrieben hatte. Und ich merke, dass ich wütend über die Ignoranz der Mächtigen bin – in jeder Beziehung. Aber wie gelähmt von der kalten Pracht um mich herum.

Nun ist ja Wut nicht der schlechteste Ansatzpunkt, um etwas zu ändern. Womit wir bei den guten Vorsätzen wären. Ich zum Beispiel will wieder mehr englische Texte lesen. Zum einen, weil Ihre Durchlaucht, Prinzessin Tochter, also meine Paula Peh, mit mir nur noch in englischsprachige Originalfilme gehen will. Zum anderen, weil ich in der New York Times neulich einen interessanten Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt der „Großen Null“ fand, der es auf den Punkt brachte: 2009 war das Darwin-Jahr, aber es zeigte deutlicher als je zuvor, dass die Menschheit am Ende einer Entwicklung angekommen ist. Was hat sich denn entwickelt seit 2000? Alles und letztendlich Nichts.

Die Märkte krachten mit Beginn des Jahrtausends, atmeten kurz durch und krachten wieder. Die Arbeitslosigkeit weltweit ist genau an dem Punkt, wo sie 2000 lag, und das sind nur zwei Beispiele, die belegen, dass der Patient, unsere Welt (also wir), im Koma liegt.

Keine Überraschung

Der Kommentator der New York Times bemängelte in diesem Zusammenhang unsere wachsende Unfähigkeit, überrascht zu sein. Häufigere Tsunamis, neue Attentate, altes Managergehabe, wir nehmen es, nicht mal schulterzuckend, einfach so hin. Ja, was erwarten Sie denn von einem Koma-Patienten, Herr Kollege? Trotzdem muss man mal auf des Wortes Bedeutung schauen. Was eigentlich ist eine Überraschung? Über-rasch bedeutet ja wohl, dass etwas überschnell, zu schnell passiert. Eigentlich ist der Begriff somit im Deutschen falsch, weil meist positiv besetzt. Wenn jemand von einem Moment auf den anderen aus dem Leben gerissen wird, ja, das ist überschnell, aber doch keine Überraschung, das ist ein Schlag für die Zurückgebliebenen!

Rufer in der Wüste

Logisch also, dass wir nicht mehr überrascht reagieren können auf das Elend dieser Welt. Denn überschnell war die Entwicklung bis hierher wirklich nicht. Zumal die Verlogenheit in der freien Welt als Meinungsfreiheit kostümiert auftritt. Jeder wissenschaftlichen Warnung wird eine wissenschaftliche Entwarnung entgegen gesetzt und die Krake des Kapitals, die Massenmedien, popularisieren, was ihrem Herrn neuen Gewinn bringt. Jeder von uns hat ein Leben lang die Rufer in der Wüste gehört. Sich zu ihnen zu gesellen, wäre dann doch eine zu heiße und trockene Angelegenheit gewesen. Doch die Bilder, die gemalt wurden, kennen wir so gut, dass wir jetzt sagen können: Ach ja, in der Renaissance gab es auch schon eine kleine Eiszeit, war also alles schon da, geht vorbei, und wir sind sowieso zu viele Menschen auf der Welt… Und selbst ich bin zu gelähmt, um darüber fundiert diskutieren zu können. Übrigens ist „Avatar“ ein wunderschöner Film zu diesem Thema!

Ältere Herren mit Stil

Wirklich überrascht – nämlich positiv berührt - war ich dann doch beim Übertragen meines alten Kalenders auf 2010. Da erkannte ich plötzlich, wer mir die schönsten Stunden des Jahres beschert hat. Seltsamerweise jemand, den ich gar nicht sooo oft gesehen hatte, mein treuer Wolfgang Pander, noch vor Professor Wolfgang und dem immer abrufbereiten Sprachgenie Uwe. Alles Herren um die 70. Ja, die haben noch Stil. Die kommen vorbei, die rufen an, der Pander und der Professor schreiben wie ich noch Postkarten und Briefe, auch innerhalb Berlins – diese Generation widmet sich dem Gegenüber noch Aug in Aug, mit Kopf, Leib und Seele.

Kontakt per SMS

Meine Tochter habe ich natürlich auch sehr oft gesehen, obwohl sie nur ein einziges Mal im vergangenen Jahr bei MIR zu Besuch war – ist das etwa ein gutes Zeichen für Gegenseitigkeit? Ihr 30. Geburtstag im Mai wird mir unvergessen bleiben – auch, weil ich ihre Geschenke erst Weihnachten fertig hatte – aber wir verkehren auffällig oft per Email und „sms“ miteinander, es sei denn, sie langweilt sich in ihrem Büro und überlegt, was ich in ihrer Wohnung alles tun könnte. Dann ruft sie an und fühlt sich mit mir verbunden „wie ein altes Ehepaar“. Sie sagt, ihre Generation sei eben so. Und ich hätte da auch nichts falsch gemacht.

Nur Erbe interessiert

Na, das sehe ich etwas anders, denn die Kälte zwischen den Generationen breitet sich wie eine Seuche aus. Wie viele Fälle kenne ich, wo Kinder nichts mehr mit ihren Eltern zu tun haben wollen – es sei denn, ein Erbe steht an! Aber bei mir gibt es nichts zu erben. So, nun ist mir schlecht. Aber das liegt nicht am Thema, sondern an den beiden Grützwürsten und dem ganzen Liter Yoghurt, den ich beim Schreiben verdrückt habe.

Die nächste Kolumne kommt aus dem Ägypten-Urlaub, oder, falls auf einem Nilschiff kein Internet möglich ist, zum Frühlingsanfang! So schnell vergeht ein Jahr! Für 2010 beste Wünsche an alle Leser

Eure Daggie