Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 65 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Leipziger Gruppe Karussell fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Karussell

 

Wiedersehen im Traum

So nannte die Anfang 2008 wie Phönix aus der Asche wieder auferstandene Leipziger Band ihre Comeback-Konzerttournee. Doch es blieb kein Traum – „Karussell“, die 1976 als Amateurband von Wolf-Rüdiger Raschke & Co gegründete Rockband, ist wieder da. Seit zwei Jahren touren die etwas in die Jahre gekommenen Musiker, verjüngt u.a. durch Frontmann Joe Raschke, den Sohn von Wolf, wieder mit großem Erfolg durch die Lande. Der „Test“ fand bereits im September 2007 statt. Damals spielten Raschke, sein Sohn Joe und Reinhard „Oschek“ Huth, der in den ersten acht Jahren von „Karussell“ dabei und treibende Kraft für die „Wiederbelebung“ war, als Trio in der Leipziger Moritzbastei. Die Fans waren begeistert, Hans Graf (g), Jan Kirsten (bg) und Frank Endrik Moll (dr) kamen dazu und am 10. Februar 2008 gab die Band in Grimma ihr erstes Konzert (inzwischen sind es über 100).

Abb.: „Karussell“ Mitte der 80-er Jahre mit Dirk Michaelis und im Dezember 2009 im Berliner „Fritz Club“ (Huth, W.-R. Raschke, J. Raschke, v.l.n.r.).

Fotos: nl-Archiv, Nachtmann

Damals standen sie gemeinsam mit John Kelly und dessen Frau Maite Itoiz auf der Bühne. Raschke hatte das Paar in seinem Naunhofer Hotel „Rosengarten“ untergebracht, das er seit 17 Jahren mit seiner Frau führt. Es folgten mehrere Konzerte in Leipzig, u.a. in der Leipziger Theaterfabrik Sachsen, dem ersten Auftrittsort von „Karussell“ 1976. Damals, im April 1976, hatte Wolf- Rüdiger Raschke die Band aus der Taufe gehoben. Nachdem RENFT im September 1975 verboten wurde, hatten sich Musiker der Leipziger Amateurband „Fusion“ (Raschke, Huth, Kirsten, Bernd Schumacher und Claus Winter) und die beiden Renft-Musiker Peter „Cäsar“ Gläser und Jochen Hohl zusammen getan. So lebte ein Stück des Geistes von RENFT in „Karussell“ weiter; nicht nur personell, sondern auch musikalisch - ein Bonus für die junge Band, deren Besetzung in den kommenden Jahren häufig wechseln sollte. Fünf LP’s wurden bis Ende der 80-er Jahre bei Amiga produziert. Im Oktober 2009 wurden diese, ergänzt durch Rundfunkproduktionen und Raritäten, in einer CD-Box zusammen gefasst (Entweder, oder / Das einzige Leben / Schlaraffenberg / Was kann ich tun / Café Anonym). Nach einer Maxi-Scheibe mit „Wie ein Fischlein unterm Eis“, „Verrückter Vormittag“, „Als ich fortging“ und „Schlaraffenberg“ ist in diesem Jahr bereits eine CD mit neuen Songs in Arbeit. Parallel zur Karussell- Regenbogen-Sommertour 2010, die von Ahus (Schweden) über zahlreiche Konzerte an der Ostsee bis in den Süden der neuen Bundesländer führen soll.

Doch zurück zu den Anfängen. 1978 wurde aus der Amateurband eine Berufsformation. Schon Ende der 70- er Jahre eroberte sich die Band in den Jahreshitparaden der DDR vordere Plätze, so mit „Entweder, oder“ und „Fenster zu“ (1978), „Autostop“ und „Ehrlich will ich bleiben“ (1979) oder „Mc Donald“ (1980). Als Cäsar, einer der kreativen Köpfe und prägende Stimme von „Karussell“, die Band 1983 verließ, um sich seinem eigenen Projekt zu widmen, kamen Lutz Salzwedel und Tom Leonhardt dazu. Als beide sich 1984 bei einem Konzert in der Bundesrepublik in den Westen absetzten, stand die Band kurz vor der Auflösung. Doch mit den beiden „Neuzugängen“ 1985 – Dirk Michaelis und Jürgen Hofmeister – gelang ein Comeback. Besonders Dirk Michaelis war ein Glückstreffer für „Karussell“. Seine Komposition des Songs „Als ich fortging“ (Text Gisela Steineckert) wurde zum größten Hit der Band, zählt bis heute zu den schönsten Rockballaden der DDR und wurde inzwischen von vielen anderen gecovert. 1987 stand der Titel auf Platz 2 der DDR-Hitparade. Doch es wäre ungerecht, den Erfolg der Band einzig an diesem, zugegeben wunderschönen Song festzumachen. Entstanden im Laufe der Jahre doch neben genannten Titeln viele weitere Karussell-Klassiker wie „Das einzige Leben“, „Schattenkreuze“, „Besinnung“, „Whisky“, „Fenster zu“, „Nämlich bin ich glücklich“, „Wie ein Fischlein unterm Eis“ oder „Gelber Mond“, um nur einige zu nennen.

In der Zeit der Wende 1989/90 erschien mit „Solche wie Du“ die sechste, allerdings wenig beachtete Scheibe der Band, die sich dann 1991 auflöste. Dirk Michaelis arbeitete mit zunehmendem Erfolg (und das bis heute) solistisch weiter, die anderen Musiker gingen zumeist anderen Beschäftigungen nach. Raschke produzierte 1993 mit anderen Musikern noch einmal eine CD („Sonnenfeuer“), aber dann war wirklich Schluss.

Nach rund 17 Jahren nun das Comeback. Und wieder hat sich das Personal-Karussell gedreht. Die aktuelle Besetzung: Wolf-Rüdiger Raschke (key, voc), Joe Raschke (voc, key, harp), Reinhard Huth (voc, g), Jan Kirsten (bg, voc), Benno Jähnert (dr) und Hans Graf (g). In dieser Besetzung (nur Benjamin Richter war als Ersatzmann für Jan Kirsten dabei) erlebten wir „Karussell“ am 19. Dezember 2009 im Fritz Club im Postbahnhof. Doch nach den ersten Tönen von „Autostop“ (auch Mitglieder des gleichnamigen Fanclubs waren zahlreich vertreten) war plötzlich Funkstille. Stromausfall. Das sollte sich in der ersten Stunde noch etliche Male wiederholen. Doch da übernahm das Publikum den Part der Musiker, dirigiert von Frontmann Joe, und wurde textsicher zum Massenchor. Insofern wird das Berliner Konzert sicherlich in die Geschichte eingehen. Ein aktueller Tipp für das Berliner Publikum : „Karussell “ spielt am 13. Februar 2010 in Neuhelgoland (Müggelheim), Beginn: 21 Uhr.

Ingeborg Dittmann