Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 77 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Gruppe Reform aus Magdeburg fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Reform

 

"Schöner Traum" der Magdeburger Band

 

In den 70-er und 80-er Jahren war es besonders die Magdeburger Rockszene, die landesweit Aufsehen erregte. Angefangen hatte es schon 1967 mit der Gründung der „Klosterbrüder“. Nach Auflösung der Band Mitte der 70-er Jahre gründeten ehemalige Mitglieder die Gruppen „Magdeburg“ und „Reform“. Einen Namen in der Szene machten sich außerdem „Scheselong“, „Reggay Play“, „Juckreiz“ und das „Rock`n`Roll- Orchester“.    
 „Reform“ – der Name war eine Referenz an das damals in der Elbestadt neu entstandene gleichnamige Stadtteil und stand zugleich für musikalische Erneuerung – wurde im Herbst 1975 von Jörg „Matze“ Blankenburg (g), der seit 1966 bei den „Klosterbrüdern“ war, und Werner Kunze (g, keyb) gegründet. Zur ersten Bandbesetzung gehörten außerdem Mike Demnitz (bg), Peter Piele (dr) und Sänger und Saxophonist Frank Schönfeld. Schon bald avancierte die Band zum „Geheimtipp“. Grund war u. a. die bis dato seltene Besetzung zweier gleichberechtigter Lead-Gitarristen und die Tatsache, dass „Reform“ Vorbilder wie die international renommierten Bands „Genesis“, Wishbone Ash“ oder „King Crimson“ ziemlich perfekt nachspielen konnte. Mit dem Einstieg des Sängers Stephan Trepte („electra“, „Lift“) 1977 begann der eigentliche Profilierungsprozess von „Reform“. Sowohl Stephans Kompositionen als auch seine markante Stimme und seine Ausstrahlung prägten das Bild der Magdeburger Band bis zu deren Auflösung 1986 ganz entscheidend.
Ansonsten wechselte die Besetzung um Matze Blankenburg häufig. Allein vier Bassgitarristen gab es in den 11 Jahren – angefangen von Mike Demnitz über Jörg Dobbersch, dann wieder Demnitz, ab 1982 Marcus Schloussen (heute Renft) und seit 1985 Reinhard Repke (Rockhaus). Am Schlagzeug saßen Peter Piele, Peter Förster und Christian Jähnig. Auch Hans „die Geige“ Wintoch zählte zwischen 81 und 84 zur Crew. Bandchef Matze Blankenburg verließ „Reform“ 1985. Gründe dafür gab es einige. Matze: „Meine Kraft war verbraucht und ich sah nach 10 Jahren auch keine weitere Entwicklung. Von den staatlichen Organen wurde uns über Jahre jegliche Möglichkeit genommen, Plattenangebote und Einladungen zu Konzerten aus dem westlichen Ausland ich mit meinem Gehör Probleme.“ (aus einem Interview mit www.- deutschemugge.de).
Blankenburg verließ die DDR Anfang 89 in Richtung Schweiz, arbeitete dort in seinem erlernten Beruf als Sport- und Musiklehrer und kehrte 1996 in die Nähe von Magdeburg zurück, wo er als Musiklehrer an einer Schule tätig war. Im Jahr 2000 initiierte er ein legendäres Reunion- Konzert bei der „Rockgala“ in Magdeburg. Am 18. Februar 2002 gab die Band noch einmal ein Konzert im „Maritim“ in Magdeburg, das als Live-Mitschnitt auf CD erschien. Und am 12. September 2009 konnte man „Reform“ neben den „Klosterbrüdern“, „Juckreiz“, „Reggae Play“, „Scheselong“ und anderen noch einmal auf der Bühne erleben – beim „Impro Revival Festival“ im Magdeburger Kulturpark Rotehorn; nun in der Besetzung Stephan Trepte, Marcus Schloussen, Detlef „Delle“ Kriese (Renft), Thomas Kolbe und Matze Blankenburg. Doch zurück in die Vergangenheit und zu den Liedern von „Reform“, von denen viele noch heute, fast 25 Jahre nach der Bandauflösung, im Ohr sind. Selbst jene aus der Anfangszeit wie „Ich suche dich“, „He, Schwester küss mich“ oder „Dicke Bohnen“ (auf der ersten Reform-LP von 1979), gefolgt von „Der Löwenzahn“, „Schöner Traum“, „Wenn die Blätter fallen“ (von der zweiten LP von 1982), „Hoppe Reiter“, „Uhren ohne Zeiger“, „Soldat vom Don“, „Mein Herz soll ein Wasser sein“ (von der dritten LP von 1985). Die Texte stammen (bis auf Ausnahmen) alle von Ingeburg Branoner, fast alle Kompositionen von Stephan Trepte. Die beiden letztgenannten Songs hatte er von „Lift“ mitgebracht. Seit 1989 wieder bei „electra“, fehlen die Kultsongs auch bei keinem der „Sachsendreier“-Konzerte (Lift, electra, Stern Combo Meißen). Auf CD kann man sich „Reform“-Songs u. a. auf „Best of Reform“ (2002) und „Reform – Die größten Hits“ (2007) anhören. „Reform“ noch einmal „live“ zu hören, bleibt wohl ein „Schöner Traum“. Aber man soll ja niemals nie sagen…

Ingeborg Dittmann

Abb. (v.o.n.u.): Altes Plakat, noch mit Kunze, 2. v.re. (Rarität in unserem Archiv); Reform als Rücktitel vom „neuen leben“ (7/1984, Foto Schulze); die erste „Reform“- Single vom Januar 1978; die Band in schwarz/weiß Anfang der 80-er Jahre (Foto: Schulze).