Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 98

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Schlagersänger Helmut Kluwe fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Helmut Kluwe

 

Eine jäh beendete Karriere

Einmal im Monat treffen sich Künstler und Freunde der ostdeutschen Unterhaltungsszene zum Stammtisch im Gasthaus „Zum Oberfeld“ in Kaulsdorf, initiiert vor einigen Jahren vom Kenner und Liebhaber des ostdeutschen Schlagers und Moderator der Radiosendung „Kofferradio“, Siegfried „Siggi“ Trzoß. Im Januar des vergangenen Jahres erlebte ich dort erstmals einen sehr sympathischen und ausgesprochen bescheidenen „jungen Mann“ um die 80 – den Ende der 50-er und in den 60-er Jahren bekannten Schlagersänger Helmut Kluwe. Damals schoss ich, quasi als Erinnerung an alte Zeiten, ein Foto mit ihm und der Schlagersängerin Mary Halfkath. Mary erzählte, dass sie Anfang der 60-er Jahre gemeinsam mit Helmut das Nachwuchsstudio des Rundfunks absolviert hatte, das beide mit einem Berufsausweis als Sänger abschlossen. Helmut berichtete, wie damals alles begann. Er arbeitete als Beleuchter beim Fernsehen der DDR. Eines Tages fiel bei einer Produktion der Sänger Willy Hagara aus. Es war bekannt, dass Helmut Kluwe eine schöne Stimme hatte. Also ging er mutig ans Mikro – und alle waren begeistert. „Danach bekam ich eine Einladung vom Rundfunk zum Vorsingen und wurde kurz darauf im Nachwuchsstudio des Rundfunks aufgenommen.“ Bekannte Komponisten und Autoren wie Georg Möckel, Ralf Petersen oder Günter Oppenheimer schrieben ihm seine ersten Titel quasi auf den Leib, etwa „Du bist schön, Marie- Madeleine“ (Petersen, 1960). „Das war noch während meiner Ausbildung“, erinnerte sich Helmut. Es folgte eine Single bei AMIGA mit den Schlagern „Dir steht grün“ (aufgenommen mit den Kolibris) und „Die verliebte Melodie“ (Amiga 550135, 1961). Letzterer war einer seiner größten Hits. Danach folgten noch etwa 30 Rundfunkaufnahmen, von denen die meisten später leider gelöscht wurden, so auch „Keine von sieben“ (Oppenheimer), „Die Stimme am Telefon“ (Georg Möckel), „Wenn untern Linden“ (Klaus Hugo) oder „Dufte“ (Hajo Fiebig).

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Kluwe bekam eine Einladung vom damals sehr bekannten Erich- Weinert-Ensemble der NVA. Man wollte den talentierten jungen Sänger einstellen. Helmut: „Bedingung war, dass ich die Uniform der NVA trage. Auf der Bühne hätte ich es ja getan, aber nur da“, erinnerte sich Helmut. „Das wars dann auch, damit hatte ich mir mein eigenes Grab als Sänger gegraben.“ Danach wollte kaum noch jemand der offiziell Verantwortlichen mit ihm zu tun haben. Er schlug sich noch einige Jahre recht und schlecht als Schlagersänger durch. Ohne Medienöffentlichkeit war das Ende einer so hoffnungsvoll begonnenen Karriere allerdings vorprogrammiert. Er arbeitete wieder in seinem Beruf als Elektriker. Der Musik ist Helmut dennoch treu geblieben, zuletzt viele Jahre im Seniorenchor, wo er sich auch auf der Gitarre begleitete.

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So geriet der Künstler in Vergessenheit. Erst jetzt, nach mehr als 45 Jahren, erfuhren wir von seinem Schicksal. Unser Mahlsdorfer jot w.d.- Abonnent Eberhard Fuchs, damals sein Kollege beim Fernsehen, hatte den mit seiner Frau Christa in Bohnsdorf lebenden Künstler mit zum Künstler- Stammtisch gebracht. Den Schlagerfreunden Jan Zwinkmann und Jochen Kleine-Horst ist es zu verdanken, dass einige seiner Produktionen nun auf einer CD zu hören sind. Jan: „Wir haben Helmut zuhause in Bohnsdorf besucht und dann einige seiner noch auf Tonband vorhandenen Aufnahmen mit viel Mühe wieder hörbar gemacht.“

Am 14. April 2012 war Helmut Kluwe Gesprächspartner von Moderator Siggi Trzoß im „Kofferradio“. Auch zum Jahrestreffen in Spreenhagen am 27. August war Helmut mit von der Partie, zuletzt bei der Aufzeichnung der 350. Kofferradio- Sendung am 13. Oktober im Kulturforum Hellersdorf, wo er noch einmal live auf der Bühne stand („Das sind Gina und Marina“). Er war wie immer mit seinem Auto angereist, freute sich über das Wiedersehen mit alten Kollegen und hielt den mehrstündigen Schlagermarathon mit Kondition und viel Spaß durch.

In der Nacht des 30. November 2012 verstarb Helmut Kluwe an plötzlichem Herzversagen. Wir werden ihn als freundlichen, bescheidenen und offenen Zeitgenossen in Erinnerung behalten.

Ingeborg Dittmann

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Abb.: Helmut Kluwe als junger Sänger 1961, mit Mary Halfkath 2012 beim Künstler-Stammtisch in Kaulsdorf,
am 13. Oktober beim 350. Kofferradio im Kulturforum Hellersdorf.
Fotos: Dittmann, Nachtmann, Archiv