Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 110

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Musiker und Komponisten Thomas Kurzhals fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Thomas Kurzhals

 

Was bleibt


In diesem Jahr begeht die Stern Combo Meißen ihr 50. Jubiläum. Abgesehen von der „Pause“ zwischen 1989 und 95 standen die Musiker um Gründer und Bandchef Martin Schreier 44 Jahre auf der Bühne. Die Hälfte dieser Zeit war einer dabei, der das musikalische Profil der Art-Rock-Band aus Sachsen wesentlich prägte: der Keyboarder und Komponist Thomas Kurzhals. Doch als die Band am 21. Dezember in der Hellersdorfer „Kiste“ ihr kleines, aber feines „Clubkonzert“ gab, war er schon nicht mehr dabei. „Thomas liegt seit August mit einer schweren Krankheit im Krankenhaus“, war vom SCM-Manager Detlef Seidel am Rande der Veranstaltung zu erfahren. Es ginge ihm den Umständen entsprechend gut, er habe Leberzirrhose und warte und hoffe auf ein Spenderorgan, hieß es. Thomas’ Part am zweiten Keyboard hatte der junge Sänger Manuel Schmid übernommen.

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Knapp zwei Wochen später, am 2. Januar 2014, musste Seidel bekannt geben: Unser langjähriger Keyboarder und Freund Thomas Kurzhals ist in der vergangenen Nacht verstorben. Über das Internet und in wenigen Zeilen aufgegriffen von der Nachrichten- Agentur dpa, von zahlreichen Medien übernommen, verbreitete sich die Nachricht in Windeseile unter der Schlagzeile „Ex-Karat-Keyboarder Thomas Kurzhals gestorben“.

Nichts gegen die gesamtdeutsch bekanntere Gruppe Karat, aber die musikalische Heimat von Thomas war eben bis zuletzt die Stern Combo. Fast 23 Jahre seines Lebens gehörte er zu den „Sternen“, hier verdiente er sich schon als 19-Jähriger seine ersten musikalischen Sporen, hatte die Möglichkeit, musikalisch zu experimentieren (etwa bei den Klassik-Adaptionen oder dem eindrucksvollen Werk „Weißes Gold“), profilierte sich als Komponist. Bei Karat saß er sieben Jahre am Keyboard (zwischen 1984 und 1991), ersetzte Ed Swillms, als der sich mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft tig Thomas Natschinski an seine Stelle getreten war.

 Der Musik hatte sich der am 13. Dezember 1953 in Ronneburg bei Gera geborene Thüringer, der nur 60 Jahre alt wurde, sein Leben lang verschrieben. „Ich wollte, solange ich denken kann, schon immer Musiker werden“, sagte er. Von seinen Eltern wurde er in seinem Traum unterstützt. Sein Vater spielte bei der Wismut in einer Schalmei-Kapelle. Mit acht Jahren nervte er seine Eltern, wann er denn endlich Akkordeonunterricht bekäme. Mit elf stieg er aufs Klavier um, kannte damals schon Noten und verdiente sich sein erstes Taschengeld mit Musik. Nach dem Schulabschluss bewarb er sich an der Dresdner Musikhochschule, studierte dort zwischen 1970 und 75. Während dieser Zeit spielte er in zwei Amateurbands – bis ihn Martin Schreier, der Chef der 1964 gegründeten Stern Combo Meißen, 1972 in seine Band holte.

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Abb.: Thomas ca. 1979 und
2010.
Fotos: Nachtmann, nl-Archiv/Gueffroy
Von 1972 bis Anfang 1984, 1996 bis 2002 und 2008 bis 2013 war das seine musikalische Heimat. Viele der bekanntesten Stern-Lieder stammen aus seiner Feder – etwa „StundenMuschlag“, „Der Eine und der Andere“, „Licht in das Dunkel“, „Mütter gehen fort ohne Laut“, „Wir sind die Sonne“, „Was bleibt“, „Weißes Gold“ und natürlich Klassik-Adaptionen wie „Eine Nacht auf dem Kahlen Berge“ (Mussorgski) oder „Der Frühling“ (Vivaldi).

Der Ausflug zu Karat war nicht nur dem lukrativen Angebot geschuldet. Anfang der 1980-er Jahre hatte sich die SCM bekanntlich von ihren musikalischen Wurzeln entfernt, sich mit neuem Sänger (IC alias Ralf Schmidt) und mehreren Umbesetzungen dem „musikalischen Zeitgeschmack“ angepasst. Das war nicht mehr Thomas’ Ding, es machte ihm keinen Spaß mehr in der Band. Mit Karat tourte er erstmals im westlichen Ausland, spielte mehrere Platten ein, komponierte aber kaum noch. Am bekanntesten vielleicht „Hab den Mond mit der Hand berührt“.

1992 stieg er aus, baute sich in Erkner ein eigenes Tonstudio auf und arbeitete als Produzent. „Ich musste etwas tun, wollte nicht nur rumsitzen und auf einen der damals spärlichen Auftritte warten“, sagte er rückblickend vor einigen Jahren. Er produzierte Hörfunk- und Werbespots, Synchronsprecher und auch junge Leute ohne große Namen, ehe er 1996 zur Stern Combo zurückging, bis 2002 blieb, um 2008 wieder zurückzukehren. Die vergangenen fünf Jahre lief es für ihn wieder richtig gut, zuletzt mit dem Highlight im April 2013, als die Combo im Stage Theater am Potsdamer Platz vor großem Publikum zwei Live-DVD`s einspielte, die nun als Package mit zwei CDs als ein bleibendes Bild- und Tondokument aus 50 Jahren Bandgeschichte vorliegen. Thomas konnte sich das Ergebnis noch wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod anhören. Seine Bandkollegen hatten ihn zu seinem 60. Geburtstag am 13. Dezember nach einem Konzert in Gera im Krankenhaus besucht. 

Ingeborg Dittmann