Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 134

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Band Rockhaus fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Rockhaus

 

Einst Teenie-Idole, heute charismatische Musiker

Als Rockhaus am 21. November 2015 im Kesselhaus der Kulturbrauerei das Finale zu ihrer „Therapie“- Tour gaben, hätte wohl niemand, der dabei gewesen ist, geglaubt, dass dieses Album eher einem Zufall zu verdanken ist. Und dass es die Band, deren Ursprünge in das Jahr 1978 zurückreichen, beinahe nicht mehr gegeben hätte. Reinhard Petereit, einer der Urgesteine der Band: Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem wir uns leer fühlten. Nach „Treibstoff“ (ihre CD von 20012) gab es keine weiteren Pläne. Wir tourten zwar noch, hatten aber keine Ideen für neue Titel und auch keine Lust darauf.

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Wie schon einmal, 1996, stand man kurz vor der Auflösung. Doch noch gab es Konzertverpflichtungen für die fünf Musiker. Und weil für die Touren ein neues Plakat gebraucht wurde, kam die Band zu einem Fotoshooting mit ihrem langjährigen Bandfotografen Carsten Klick zusammen. Während dieser Session sei dann wieder dieses Zusammengehörigkeitsgefühl dagewesen, sagen sie. Man habe viel Spaß gehabt – und plötzlich wieder Lust auf Neues. So entstand im Sommer 2015 ihr neustes Album „Therapie“, gemeinsam mit ihrem Produzenten Rainer Oleak. Bald war Material für 30 Songs da, von denen die besten für die Scheibe ausgewählt wurden (Kompositionen von allen Bandmitgliedern, Texte von Mike Kilian und Reinhard Petereit). Die Songs mit ihrem dichten, vielschichtigen Sound kamen an auf der Tour. Im Kesselhaus wurde die Band vom Publikum geradezu gefeiert.

So war es auch damals, Anfang der 1980-er Jahre. 1978 hatte sich die Gruppe aus zwei Schülerbands gegründet. Ihr Einstieg in die DDR-Rockszene gelang ihnen 1981/82, als Mike Kilian (Gesang, Gitarre) und Michael Heinz Haberstroh (Schlagzeug, Gesang) dazu stießen. Mit Songs wie „Bonbons und Schokolade“, „Disco in der UBahn“ oder „Ferien mit Helene“ wurden sie schon bald zu einer der beliebtesten Teenie-Bands. Mit ihren Texten und der Mischung aus geradlinigem Rock, Pop und New Wave spiegelten sie das Lebensgefühl ihres jungen Publikums der damaligen Zeit wider. AMIGA produzierte 1983 ihre erste Single („Disco in der U-Bahn“) und setzte im gleichen Jahr mit der LP „Bonbons und Schokolade nach“. Der Musikwissenschaftler Michael Rauhut sah in „Disco in der U-Bahn“ sogar den „ersten deutschen Hip-Hop-Song“. 
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Abb.: Mike, Reinhard, Michael und Ingo 1984, die Band 2012.

Fotos: Archiv/Gebhardt, privat

Obwohl das jetzt mehr als 30 Jahre zurück liegt, habe ich noch bildlich vor Augen, wie bei einem Konzert von Rockhaus im Palast der Republik Mike, Micha, Ingo und Reini in bunten Klamotten über die Bühne fegten und die vierzehn-, fünfzehnjährigen Fans fast ausrasteten. Auch in diversen TV-Sendungen, vor allem des Jugendfernsehens, tauchten die vier – damals alle Anfang 20 – nun häufig auf. An ein besonderes Konzert am 1. Mai 1984 im Haus der Jungen Talente kann ich mich gut erinnern. Es endete mit einer Abschiedsfete, denn die Jungs hatten beschlossen, gemeinsam ihren Wehrdienst bei der NVA anzutreten. Kurz zuvor hatten sie noch zehn Songs für ihre zweite LP („Alles klar“, erschienen 1985) produziert, mit Titeln wie „Liebe himmelblau“, „Mode Welt“, Vergiss mich“). Nach 18 Monaten rockten Mike Kilian, Reinhard Reini Petereit, Micha Heinz Haberstroh und Ingo Griese wieder die Live-Bühnen des Landes. Kurz darauf kamen Reinhard Repke (Bass) und Carsten „Beathoven“ Mohren (keyboard) dazu, Ingo Griese (heute York) ging ´87 zu Pankow. Musikalisch gereift präsentierte sich Rockhaus auf ihrer 3. LP „I.L.D.“ 1988. Mit Liedern wie „Bleib cool“, „Gefühle“, „I.L.D.“ (1. Platz der DDR-Jahreshitparade) und „Ohne Dich“. Rockhaus wurde zur „Band des Jahres“ gekürt.

Nicht ganz so erfolgreich war ihre erste Scheibe nach der Wende „Gnadenlose Träume“ (1990). 1994 stieg Frontmann Mike Kilian aus und startete eine Solo- Karriere. Er produzierte vier eigene Alben, wagte sogar sehr erfolgreich Ausflüge in die Klassik und ins Musical und tourt seit Jahren mit der Stones-Cover-Band „Starfucker“. 1998 löste sich Rockhaus auf und erschien 2005 wieder auf der Bildfläche. „Schuld“ daran war Tobias Künzel von den Prinzen, der Kilian fragte, ob Rockhaus nicht als Vorband für ihre Tour agieren wolle. Der Erfolg der Konzerte brachte die Band wieder zusammen und 2006 gingen sie auf eigene Konzerttournee durch Ostdeutschland. Davon ließen sie eine Live-DVD produzieren, die 2009 unter dem Namen „Rockhaus – Danke – 30 Jahre live“ erschien. Im gleichen Jahr kam ihre neue CD „Positiv“ auf den Markt.

Nebenher beteiligten sich die Rockhaus-Musiker besonders in den vergangenen zehn Jahren an vielen anderen Studioproduktionen und Projekten, so gründete Repke 2005 den „Club der toten Dichter“, Kilian und Petereit wirkten am Theater in Musicals mit, Beathoven produzierte im eigenen Studio Songs für viele Kollegen, Ingo Griese (York) wurde hin und wieder als Gastmusiker geholt, so etwa bei „Ostrock in Klassik“ 2010, Mohren und Haberstroh spielen u.a. bei den „Ossis“.

Wenn nicht alle fünf so gut beschäftigt wären, hätte Rockhaus längst den 35. Geburtstag feiern können. Vielleicht, der alten Zeiten wegen, mal wieder mit Bonbons und Schokolade.

Ingeborg Dittmann