Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 43 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Komponisten und Arrangeur Alfons Wonneberg fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Alfons Wonneberg

Der Vater des schnellen Bleistifts

 

Im kleinen Arbeitszimmer des idyllisch gelegenen Häuschens am Rande von Berlin liegen aufgeschlagene Jazz-Fachblätter, in den Regalen stapeln sich die Bücher über jüdische Geschichte (sein Hobby) und Jazzmusik. Das Akkordeon steht bereit. Wer glaubt, dass sich Alfons Wonneberg – der Komponist, Arrangeur, Instrumentalist und ehemalige Orchesterleiter mit 80 zur Ruhe gesetzt hat, der irrt. „Ich bin gesund und immer noch arbeitswütig“, sagt der seit mehr als 20 Jahren in Schöneiche lebende „Pensionär“. Mit „arbeitswütig“, damit meint er nicht gerade Garten- oder Hausarbeit. Die überlässt er gern seiner zweiten Ehefrau Brigitte.

Fünfzig Jahre liegen zwischen diesen beiden Bildern: Alfons Wonneberg mit Akkordeon 2008 und 1958

Mit Ibrahim Ferrer (jeweils mit Hut), dem legendären Sänger des Buena Vista Social Club in Havanna, verband Wonneberg eine fast 50-jährige Freundschaft.

Doch erst 2007 verabschiedete sich der Chef der Abteilung Tanz- und Unterhaltungsmusik der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler (seit 1976) und spätere Gastdozent für Jazz endgültig von seinen Kollegen. Die hätten es gern gesehen, wenn er noch geblieben wäre und brachten an seinem Zimmer ein Schild mit der Aufschrift „Prof. Alfons-Wonneberg-Raum“ an.Nein, irgendwann muss mal Schluss sein. „Sonst sagen die Studenten noch: Wat will der alte Knacker hier?“ Außerdem, so Wonneberg, sei Musik heutzutage so beliebig geworden. „Jazz, Pop, Rock –alles klingt irgendwie amerikanisch.“ Das behagt dem disziplinierten „Arbeiter“ Wonneberg nicht, der sein Handwerk von der Picke auf gelernt hat.
Am Konservatorium in Berlin studierte er ab 1945 Trompete, Akkordeon und Posaune, legte später „heimlich“ an einer Musikschule in den USA ein Fernstudium ab („Oma schmuggelte die Noten.“), studierte bei Wagner-Regeny Komposition. Doch in erster Linie versteht er sich als Arrangeur. Seine Kollegen nennen ihn noch heute den „Vater des schnellen Bleistiftes“. Wenn`s schnell gehen musste, arrangierte er auch öfter Mal einen neuen Song über Nacht. Dazu braucht er weder Klavier noch Keyboard. „Nur `nen Bleistift und ein Blatt Notenpapier.“ Sein erstes Orchester hatte Wonneberg schon 1948, später war er Lektor bei „Lied der Zeit“.

Als Orchesterchef ging er neue Wege, war ständig auf der Suche nach interessanten internationalen Rhythmen – von der Mazurka über französische Musette-Walzer bis zu schottischen Dudelsackklängen – und arrangierte diese für seine Band. Mit seinem Sextett und Sängern wie Ingo Graf, Uta Jatzkowski, Nina Hagen, Lutz Jahoda oder Achim Mentzel tourte er durch 48 Länder der Welt. Drei Pässe voller Stempel belegen das. Nina Hagen begann ihre Karriere 1972 bei ihm. „Ihre Mutter Eva-Maria schickte sie zu mir, da war Nina grad 16 oder 17. Kurz darauf kam Achim Mentzel als zweiter Bandsänger dazu“, erinnert sich Wonneberg.

Mit Lutz Jahoda produziert Alfons Wonneberg „Musikalische Ansichtskarten“ über seinen Heimatort Schöneiche.

Fotos: Nachtmann, Archiv

Erinnerung an die Hochschulzeit: das Schild nahm er beim Ausscheiden mit nach Haus.

Für letzteren legte sich der Professor vor DDR-Gerichten ins Zeug, als der Sänger nach seiner Flucht in den Westen Anfang der 70er wieder zurückkam. „Wir versprachen, ihn wieder in unser sozialistisches Kollektiv aufzunehmen“, sagt er verschmitzt. Überhaupt, wer den Musikprofessor von der Bühne kennt oder je mit ihm zu tun hatte, schätzt seine Frohnatur. Kein Wunder, dass er mit seinem Orchester zuweilen auch als Damenkapelle der 20-er Jahre oder als Bierflaschen-Band auf der Bühne stand.

„Ich hatte schon als Kind ein fröhliches Naturell. Das hat sich bis ins hohe Alter erhalten“, schmunzelt der 80-Jährige. Sein Humor, die Musik, Bewegung („Am 1. Mai ist An-, am 7. Oktober Abbaden im heimischen Pool“) und wohl auch seine Brigitte, ehemals Tänzerin beim Fernsehballett und eine der „Nancies“ von Michael Hansen, haben ihn jung gehalten – äußerlich, vor allem aber im Geiste.

  In den 90-ern gründete er die erste Berliner Uni-Big-Band, leitete die „Boys & Girls“-Bigband und spielt mit dem „Cappuccino- Quartett“ bis heute Kaffeehausmusik. Als Gastdirigent und Juror gab er in den vergangenen Jahren seine Erfahrungen an verschiedene Landesjugendorchester weiter. Sein neustes Projekt sind „Musikalische Ansichtskarten“ über seinen Heimatort Schöneiche. Die hat er gerade mit Lutz Jahoda und einer Potsdamer Band produziert. Das letzte „Werk“ ist es nicht. „Ich will mich am PC fit machen und ein Buch über Jazz schreiben. Außerdem mal wieder New York sehen. Und nach Grönland reisen – bevor die Eisberge schmelzen.“

Ingeborg Dittmann