Obama, Osaka, selbst das Studium ist fern

Kabarettistin und jot w. d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke hat so ihre Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit

Beginnt das Jahr nicht wunderbar? Wir haben unseren Messias Obama im Weißen Haus! Nun, es wurde auch Zeit, dass Amerika dem Beispiel Deutschlands folgt. Haben wir doch schon seit fast vier Jahren eine Schwarze als Staatschefin! Allerdings ist die Wissenschaftlerin und schnürt in Wolkenkuckucksheim an Care-Paketen für die Konjunktur, dass man merkt: Die hat im Pioniernachmittag keine Bastelstunde versäumt. Obama hingegen friert, grade mal 40 Stunden im Amt, kurzerhand alle Abgeordnetengehälter über 100 000 Dollar ein. Ja, es geht! 

Baracks Ehefrau Michelle übrigens erinnert mich sympathischerweise ein wenig an Camilla Parker Bowles, die auch nie so richtig weiß, wo sie hinlaufen oder wem sie zuerst die Hand geben soll. Was aber das herumtobende und wild um sich fotografierende Töchterchen des Präsidentenpaares angeht – oh, da werden Psychologen und Verhaltensforscher wohl bald ADHS diagnostizieren, das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Geb‘s Gott, dass diese bodenständigen Eltern dann zu verhindern wissen, was Wissenschaft anrichten kann. 

Ich muss auf dieses Thema kommen, weil mich gerade eine Sendung darüber furchtbar aufgeregt hat. Da werden – erstaunlicherweise nur in den „westlichen“ Wohlstandsländern – ganz normale Zappelphilipps, also Kinder, die sich in der durchstrukturierten Erwachsenenwelt langweilen, unter Medikamente gesetzt, die der Partydroge SPEED ähneln und von denen keiner weiß, wie abhängig sie machen. Nur damit sie angepasst werden. Das darf doch wohl nicht wahr sein! 

Paula hat selten still gesessen, war ziemlich bockig, ist ohne zu überlegen gegen Tische und Schränke gelaufen, ist 1000 Mal mit zerschrammten Knien nach Hause gekommen, hat bis zur dritten Klasse eine Rechtschreibung abgeliefert, die mich schier zum Verzweifeln brachte. Aber ich wär doch nie auf die Idee gekommen, sie zum Psychologen zu bringen! Sie wurde zum Schwimmen, zum Judo, zum Turnen gebracht, später zum Ballett.

Und nun wurde sie gerade vom Goetheinstitut nach Osaka eingeladen, im Mai, wenn die Kirschen auch in Japan blühen. Sie soll dort so eine Art Weltkongress der Poetry-Slammer moderieren – ist das nicht toll? Das ist so wie ein sechswöchiges Engagement auf der MS Europa quer durch’s Mittelmeer zu DDR-Zeiten, was mir 1988 passiert ist. Demnächst wird Paula (Künstlername PEH) auch ihr Debüt als Dozentin für Poetry Slam an der Autorenschule Berlin geben. Und das alles ohne Literaturwissenschaftsstudium. Aber das kann sie (wie ich) immer noch nachholen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich inzwischen Kulturwissenschaften studiere?

Fernstudentin Gelbke eckt an

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an meinen Streit mit der Viadrina in Frankfurt/ Oder, wo ich nicht zugelassen wurde, weil ich über 55 war. Nachdem ich mit Gesine Schwan persönlich sprechen konnte, hat sie mir einen Tipp gegeben, wie ich es doch noch schaffen könnte. Da der aber noch mal ein Jahr meiner Zeit verschluckt und das Direktstudium verlangt hätte, dass ich meine künstlerischen Aktivitäten einschränke, habe ich mich an der FernUni Hagen eingeschrieben, studiere nun so vor mich hin und bin inzwischen unsicher, ob ich überhaupt Wissenschaftlerin sein will.

Eigentlich bin ich ja überhaupt kein Autodidakt. In der Beziehung leide wohl auch ich unter ADHS. Immer gibt es Wichtigeres zu tun, als die Lehrbriefe durchzuarbeiten. Aber da mein Ziel ist, erst mit 70 den Masterabschluss in der Tasche zu haben, also in elf Jahren, werde ich es schon schaffen, wenn ich denn so alt werden sollte. Allerdings bin ich in Hagen gleich mächtig angeeckt, als es darum ging, ein Hausarbeitsthema für das Lehrgebiet „Kultur und Medien“ festzulegen.

Naheliegend war für mich, etwas zu finden, worin ich mich auskenne, z.B. „Sind die Slampoeten die Erben von Heine, Tucholsky oder Kästner?“ Na, das war ja nun der totale Affront! Eine wissenschaftliche Assistentin schrieb sofort zurück, sie würde mir doch dringend abraten, das Thema Unterhaltung zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit zu machen. Ich wurde schmerzlich an ein Gespräch an der Humboldt-Universität erinnert, das ich 1977 geführt hatte, als ich dort Musikwissenschaften studieren wollte. Frau Dr. Fischer – den Namen vergesse ich nie – sagte: „Ihr bisschen Unterhaltungskunst können Sie auch ohne wissenschaftliches Studium machen.“ Nun bin ich ja stur, wenn es um mein Recht geht. Moralisch unterstützt von meinem Freund Dr. Wolfgang habe ich eine gepfefferte (nicht gerade in gehobenem Stil verfasste) Antwort zurück gemailt, und nun darf ich schreiben, was ich will, wenn es sich nur auf die Lehrbriefe bezieht. Und bei deren Lektüre kann einem einmal mehr die Lust an Literatur und Kultur aus Gelehrtensicht vergehen. Womit sich diese Geisteswissenschaftler beschäftigen, unglaublich! Wie sie derart an der Praxis vorbei spintisieren, das wird mir nicht gelingen. Oder kämen Sie auf die Idee zu behaupten, diese Kolumne gab es schon, bevor ich sie in Worte gefasst habe?

Dass es sie gab, bevor Sie sie gelesen haben, ist nachvollziehbar, aber ist nicht einzig und allein wichtig, dass Sie sie lasen? In diesem Sinne bis zum nächsten Mal,

Eure Daggie