Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 54 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit Christel Schulze aus Teltow  fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Christel Schulze

 

In allen musikalischen Genres zuhause

 

Christel Schulze ist eine bodenständige Frau. Noch heute lebt die inzwischen 73-Jährige in dem Haus in Teltow, in dem sie einst aufwuchs. Im Tanzsaal des „Schwarzen Adlers“ in Teltow stand sie mit 9 das erste Mal auf der Bühne. Nicht nur der Heimat, sondern auch der Musik ist die Sängerin ein Leben lang treu geblieben. Und noch etwas begleitete sie durch ihr Leben: die große Liebe zu Natur und Tieren, speziell zu Hunden. Letztere sind für sie „Familienmitglieder“, damals wie heute. 

Als 14-Jährige wusste sie schon genau, was sie wollte, nahm Gesangsunterricht und ließ sich zur Sopranistin ausbilden. „Dass meine Eltern mir das ermöglichten, werde ich ihnen nie vergessen“, blickt Christel auf die 50er Jahre in der DDR zurück. Zunächst liebäugelte die junge Frau mit der Oper.

 
Doch sie spielte gern Gitarre – das brachte sie zum Volkslied und zum Schlager. 1956 belegte sie bei der „Schlagersängersuche“ des Berliner Rundfunks u.a. mit „Wenn ein Zigeuner weint“ den 1. Platz, wurde bald schon mit Schlagern wie „Ich gehe durch die Straßen“, „Bleib bei mir“, „Hallo, mein Herr“, „Schön ist die Liebe“ oder „Wer weiß, wer weiß“ bekannt. Bis 1985 produzierte die Sängerin beim Rundfunk über 450 Titel, von denen etliche auch auf Platten (die erste erschien 1960) zu hören sind. „Midi Midinette“ hieß damals einer ihrer Hits. 1966 sang Christel beim Internationalen Wettbewerb „Lieder der Freundschaft“ im Moskauer Lushniki- Park vor 60 000 Menschen die „Moskauer Fenster“ und belegte den 1. Platz des Ausscheides. Mehr und mehr galt ihre Liebe anspruchsvolleren Titeln – von Chanson über Swing bis Jazz und Musical. Dabei kamen ihr Sprachkenntnisse im Französischen und Englischen zugute (später sang sie in sechs Sprachen).
 So wurde aus der Schlagersängerin eine der vielseitigsten Interpreten des Landes. Rund 1000 Titel gehören zu ihrem Repertoire. Sie moderierte im Rundfunk ihre eigene Sendung „Volkslieder mit Christel Schulze“ und war von 1963 an mit eigenem Ensemble im In- und Ausland unterwegs. Nach ihrem Abschied vom Tagesschlager mischte sie kräftig in der sogenannten Hootenanny- Bewegung mit, die der Kanadier Perry Friedman in die DDR gebracht hatte und hob mit dem Komponisten und Musiker Klaus Schneider die damals populäre Singebewegung mit aus der Taufe. Mit Schneider stand sie viele Jahre gemeinsam auf der Bühne, als Gesangs- und Gitarrenduo (Abendlied“, „Frühlingslied“). Dem musikalischen Nachwuchs widmete sich die Sängerin ab 1971 als Lehrbeauftragte an der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“.

Als ihre Mutter Mitte der 80er Jahre schwer erkrankte und ein Pflegefall wurde, nahm Christel Abschied von der Bühne, um sie zu betreuen. „Ich wollte erhaltene Liebe zurück geben, hätte sie nie ins Heim gebracht“, erzählt Christel. Bis zu ihrem Tod 1991 pflegte die Tochter Mutter Anna zuhause. Das Geld war knapp, aber ihre Bühnenkarriere fort zu setzten, dazu fehlte der Sängerin gerade in den schweren Jahren um die Zeit der Wende der Mut. Trotzdem ließ sie sich nicht unterkriegen. Sie machte in ihrem Elternhaus eine kleine Pension auf, lebte bescheiden vom Erlös. Später begann sie Schüler zu unterrichten, gab (und gibt) Unterricht in Gesang, Gitarre, Klavier, Akkordeon und Keyboard. Ihre Schüler reichten von 5 bis 75, erzählt sie stolz.

Als Christel im September 2006 in Kleinmachnow ihr 60. Bühnenjubiläum feierte, kamen viele Freunde und ehemalige Kollegen – darunter Leni Statz, Ekki Göpelt, Erhard Juza und Günter Hapke. Mit letzterem sang „Schulle“, wie Christel von ihren Freunden genannt wird, Duette aus alten Zeiten. Hin und wieder steht die Sängerin seitdem auch wieder auf der Bühne. Langeweile kennt die Sängerin, Lehrerin, Pensions-Chefin und „Hundemutter“ nicht. Gleich 17 hat sie nach der Wende wieder aufgepäppelt und weitervermittelt. Die meisten waren ausgesetzt worden. Sie kümmert sich um Haus und Hof, um ihre Tiere und die Natur vor ihrer Haustür.

Wie gesagt: Sie ist ein bodenständiger Mensch.

Ingeborg Dittmann

Abb.: Eins der frühen Autogrammfotos von Christel Schulze (oben); Christel trat vor zwei Jahren auch bei den Seniorentagen in einer Show von Siggi Trzoß im Kaufpark Eiche auf (Mi.); Christel als Sängerin 1962 (unten).

 Fotos: Dittmann, Archiv