Erst ein Krokodil, dann eine Leiche im Bett

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke schippert im kalten Januar bei 24 Grad plus auf dem Nil, genießt ägyptische Gelassenheit und bekommt einen Heiratsantrag

„Il Professore“ Wolfgang hatte noch gesagt, ich solle unbedingt Agatha Christie lesen, bevor ich auf den Nil gehe. Hätte ich tun sollen, um zu sehen, ob ich mich blamiere, wenn ich jetzt schreibe, dass es nicht die Tempel sind, die diese Reise so unbeschreiblich machen. Es sind die 24 Grad im Januar-Schatten, es ist das Nilschiff mit seinem 70er-Jahre-Charme und dass alles fließt.

Nicht, dass mein Leben sonst nicht auch fließen würde, aber zu Hause stürzt es wohl eher davon, und nicht selten über Untiefen und Katarakte. Und wie mir das ZDF in meiner Schiffskabine mitteilt, ächzt Berlin gerade bei 17 Grad Minus vor sich hin und niemand soll mir einreden, der Hauptstadtverkehr flösse trotzdem. Von der Politik ganz zu schweigen. Aus der Ferne hören sich die Nachrichten aus dem Bundeskabinett an wie „Neues aus der Anstalt“.

Hier aber gleiten Segel- wie Dampfschiffe ruhig auf und ab zwischen Luxor und Assuan, die Menschen an Bord sind ein bunt gewürfeltes Völkchen. Neben mir sitzt ein indischer Mann mit sechs Frauen, und sie singen wohlklingende Lieder aus der Heimat, obwohl sie inzwischen in Chicago leben. Micha, unser Wilmersdorfer Tischnachbar, eine Reinkarnation meines verstorbenen guten Hausgeistes Peter, diskutiert mit Michaela, dem Star unserer mitreisenden Down-Syndrom- Gruppe, die deutschen Fußballergebnisse. Sie ist aber nicht ganz bei der Sache, weil sie sich schon wieder darauf freut, heute Abend mit den Kellnern trommelnd durch den Speisesaal zu tanzen. Und getrommelt wird immer, weil immer gerade irgendjemand an Bord Geburtstag, Namenstag, Hochzeitstag, Verlobung oder anderes zu feiern hat. Natürlich haben Erna, die Kostümbildnerin der Oderhähne, und ich in den vergangenen sechs Tagen auch alle ägyptischen Tempel und Totentäler besichtigt, die im Angebot waren. Wir haben frierend in der Wüstennacht sechs Stunden Busfahrt überstanden, um von Abu Simbel dann doch irgendwie enttäuscht zu sein.

Gelassenheit und Könige mit Schleifen

Auch wenn gerade dort die künstlerische Handschrift der Maler des alten Ägypten eine ganz besondere ist. Plötzlich tragen die Könige Schleifen an den Sandalen. Es werden Menschen mit individuellen, also nicht genormten Gesichtern und Frisuren gezeigt. Und die Opfergaben für die Götter sehen aus wie vorweggenommene Mitbringsel aus fernen, zukünftigen Ländern: Eiffeltürme aus Paris, Matrjoschkas aus Moskau oder CDs aus London. Ich würde sagen, in Abu Simbel war ein Vorgänger Michelangelos zugange.

Von meinem Weiterbildungsdrang bin ich natürlich auch hier nicht verschont geblieben. Ich hab sie, dank unseres geduldigen Reiseleiters Mohamed, nun ganz gut drauf, die alten Götter, deren Namen mir alle irgendwie japanisch klingen: Hamzu, Ma-it, Seit, Hator, Anubis, Isis, Osiris. Und ich habe auch versucht, ein paar arabische Worte zu lernen. Immerhin, auf arabisch bis Hundert zählen zu können, halte ich für eine reife Urlaubsleistung. Erna sagt dazu: Streberin.

Nun schippern wir ruhig nach Luxor zurück. Vor uns liegen noch acht Tage Strand, Strand, Strand, viel zu gutes Essen, guter ägyptischer Rotwein und Händler, Händler, Händler. Ach ja, wenn die nicht wären … Die Ägypter sind nämlich gar nicht so! Abseits von den Touristenzentren interessieren sie sich nicht für das Bakschisch der Fremden. Die Menschen sind gelassen, gebetet wird nach getaner Arbeit, und nicht, wenn die Muezzin-CD ruft. Man kann als Frau getrost mitten in der Nacht schnell noch an einem Kiosk Wasser kaufen – so wie meine Freundin Marianne in Luxor im vergangenen Jahr mit dem Fahrrad ins Tal der Könige gefahren ist, ohne belästigt zu werden. Was nicht heißt, dass ich nicht angesprochen wurde. Abdalla hieß der nubische Droschkenfahrer, der mich glatt weg heiraten wollte und er sah aus wie ein afrikanischer Stammesfürst, je massiger, umso reicher.

„Du bleibst hier, du bist meine Schwester, und ich heirate dich. Du kannst Englisch, du organisierst für mich das Touristengeschäft!“ Erna würde er gleich mit heiraten, lenkte er nach ihrem Protest ein. Was übrigens gut passen würde. Wir hatten nämlich beim Beobachten einer Radfahrergruppe, die wir vom Schiff aus sahen und dann in Edfu wiedertrafen, gerade beschlossen, über ein UN-Projekt den ultimativen Nil-Fahrradweg zu bauen.

Na, das ist doch eine Zukunftsaussicht. Schlechter als mit meiner Rente zu Hause würde es mir hier auch nicht gehen. Aber nun werde ich erst einmal schauen, welches Ungeheuer mich heute in meiner Kabine erwartet: Handtuchschwäne, -krokodile und - elefanten hatten wir schon in unseren Betten. Und gestern, als das Schiff neben Agatha Christies Nilschiff SUDAN lag, sogar eine Leiche; inschallah!

Eure Daggie