Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 66 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem kürzlich verstorbenen Komponisten Franz Bartzsch fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Franz Bartzsch

 

Wind trägt alle Worte fort

Wer ihn kannte, der mochte seine freundliche, ausgleichende Art, seinen Humor und sein herzliches Wesen. Am 8. Juni wäre der in Schmölln geborene Musiker, Komponist und Arrangeur 63 geworden. Er wird ihn nicht mehr feiern können, diesen Geburtstag, mit seinen Freunden, Kollegen, vor allem aber mit seinen drei Kindern, seinen Enkeln und seiner Partnerin Anke Schenker. Am 5. Januar diesen Jahres erlag „Franzl“, wie er von seinen Freunden genannt wurde, einem plötzlichen Herzversagen.
Wir verdanken ihm, der von Kollegen wie Kritikern gleichermaßen oft als „genialer Komponist“ bezeichnet wurde, so populäre und zeitlose Lieder wie „Sommernachtsball“, „Dass ich eine Schneeflocke wär“ oder den „Blues von der letzten Gelegenheit“ (gesungen von Veronika Fischer, Texte Kurt Demmler), das „Champuslied“ (Angelika Mann) und einen seiner ersten Titel „Wind trägt alle Worte fort“ – ein Song, der auch über 35 Jahre nach seiner Entstehung nichts von seinem Zauber verloren hat. Franzl schrieb ihn Anfang der 70-er Jahre, als er, nach einer Lehre als Elektromonteur und einem Musikstudium Bassgitarrist bei der Dresdner Gruppe Lift war, die aus dem Dresden-Septett hervorgegangen war. Von 1974 bis 77 war er Pianist, Keyboarder und Leiter der Begleitband von Veronika Fischer, ehe er gemeinsam mit seinen Mitstreitern Frank Hille, Michael Kaszubowski und Hansi Biebl seine eigene Band „4 PS“ gründete. Zwischen 1979 und 80 arbeitete die Band wieder mit Veronika Fischer zusammen, produzierte u.a. bei Amiga die LP „Goldene Brücken“ .
Dass der Musiker 1980 im Westen blieb, war keine geplante Aktion. Es ging ihm gut in der DDR, er hatte Erfolg, war privilegiert, hatte sogar einen Pass. Wirklich weg habe er nie gewollt, sagte er später. Doch da sei dieser unwürdige Vorfall an der Grenze passiert, als er und sein Kollege Jürgen Ehle wie Schwerverbrecher behandelt worden wären, weil man Westgeld bei ihnen gefunden hatte. Dafür sollten in Westberlin Gitarrensaiten gekauft werden. Ein damals durchaus auch von den Ostberliner Kulturfunktionären geduldeter Vorgang. Schließlich sah man die Musik der hiesigen Bands, den sogenannten Ostrock, als wichtiges Äquivalent zur „westlichen Unkultur“ an. Dass einer ihrer wichtigsten Komponisten nun im Westen bleiben wollte, gefiel den Kulturpolitikern gar nicht. So schickte man ihm sogar einen Vertreter der Konzert- und Gastspieldirektion (KGD) hinterher, der ihn, mit einem Dauerpass als Köder, zurückholen sollte. Doch Bartzsch blieb. Und hatte auch im Westen Erfolg. Zunächst eher im Verborgenen – als Studiomusiker, später als Film- und Theaterkomponist und Komponist von TVSerien („Schloss Einstein“, „Tatort“, „Großstadtrevier“, „Polizeiruf 110“). Schrieb dann Titel für bekannte Künstler wie Udo Jürgens, Boney M. („I feel good“), Bolland & Bolland („Tears of Ice“), Milva oder Roland Kaiser, der ihn zum musikalischen Leiter seiner Begleitband machte. In Berlin-Friedenau richtete er sich ein Studio ein, später baute er ein Häuschen in Havelberg.

Abb.: Franz Bartzsch in „Neuhelgoland“ am Klavier, mit jot w.d.- Redakteurin Ingeborg Dittmann und auf der Veronika-Fischer- Platte von 1977.

Fotos: Dittmann, Nachtmann, Archiv

Man hörte dennoch wenig von ihm, denn er war nie der Typ, der sich gern in der Öffentlichkeit präsentierte. In den Schlagzeilen der Westpresse wird man ihn weder in jenen Jahren noch später finden. Er hatte es einfach nicht nötig, auf den Putz zu hauen. Er war ein begnadeter Komponist, ein fleißiger Arbeiter und er liebte es, am Klavier zu sitzen und Lieder zu schreiben. Das war ihm genug. Und es war großartig. Er war ein Vollblutmusiker. Und ein Genussmensch. Gerne stand er in der Küche, kreierte mit viel Fantasie eigene Gerichte, lud Freunde ein und genoss gern einen guten Schluck französischen Rotwein. „Kochen, das ist wie Komponieren“, sagte er. „Man benötigt dazu gute Zutaten und viel Kreativität.“

Nach der Wende gingen in seinem Studio auch wieder Sänger und Musiker aus dem Osten, ehemalige Kollegen wie Bodo Kommnick von „Lift“, aus und ein. So produzierte er zum Beispiel für Ute Freudenberg die CD „Im Namen der Liebe“, schrieb auch wieder einige Titel für Veronika Fischer, etwa für deren Scheibe „Dünnes Eis“. Zu seinem 60. Geburtstag 2007 wurde noch einmal eine CD mit seinen eigenen Lieblingstiteln veröffentlicht. Am 7. März wird es im Admiralspalast ein Konzert zum Gedenken an Franz Bartzsch geben, mit vielen ehemaligen Kollegen, Freunden, Musikern.

Ingeborg Dittmann