Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 78 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Liedermacher und Rocktexter Kurt Demmler fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Kurt Demmler

 

Mein Wort schlägt nach innen*

 

Zu dem Menschen Kurt Demmler, dem Kollegen, Nachbarn, Familienvater gäbe es viel Streitbares, Widersprüchliches zu sagen. Doch nicht davon soll hier die Rede sein. Und auch nicht von seinen letzten Lebensmonaten, die der des Kindesmissbrauchs angeklagte Liedermacher und Songtexter als Untersuchungshäftling in Moabit verbrachte. Darüber haben die Medien Seiten lang berichtet. An dieser Stelle geht es um „Musiklegenden des Osten“, und dazu gehört der einstige Liedermacher und spätere Rockmusik- und Schlagertexter ohne Zweifel. Mehr als 10 000 Texte soll er geschrieben haben, darunter solche für mehr als 200 der bekanntesten Bands und Interpreten: Renft, Karussell, Horst-Krüger-Band, Karat, Lift, electra, Stern Combo Meißen, Berluc, Transit, Puhdys, Pankow, Veronika Fischer & Band, Nina Hagen, Petra Zieger, Inka, Hauff/Henkler, Die Prinzzen, Wolfgang Lippert, Wolfgang Ziegler, Tamara Danz & Silly, die Roten Gitarren, Vaclav Neckar, Katja Epstein, Zsuzsa Koncz … Für manch eine Band war er, vor allem von 1966 bis Mitte der 80-er Jahre, „Haus- und Hofdichter“. Nicht wenige verdanken ihm ihre Karriere, denn auch in der DDR musste man Hits vorweisen, um im Rundfunk gespielt zu werden oder ins Fernsehen zu kommen.   ;
Einzelne Texte schrieb Demmler in der Regel nicht, wer mit ihm zusammen arbeiten wollte, musste es auf längere Zeit exklusiv oder zumindest Projekt bezogen tun. Zum Schaden war das wohl für keinen. Denn, ohne zu übertreiben: Als Texter war er einfach genial. Nicht nur, was die Qualität seiner Verse anging, die Poesie, die sprachlichen Bilder, die Sensibilität. Auch seine Produktivität war unerreicht..„Man konnte ihm die Kompositionen für eine gesamte LP vorbeibringen und hatte nach zwei, drei Tagen alle Texte. Und das in Top-Qualität“, wissen viele seiner ehemaligen Kollegen noch heute zu erzählen.

Dabei hatte Demmler das Schreiben nicht professionell gelernt. Am 12. September 1943 in Posen geboren, legte er 1962 in Klingenthal (Vogtland) sein Abitur ab. Zwischen 1963 und 69 studierte er in Leipzig Medizin und arbeitete einige Jahre als Facharzt in einer Leipziger Poliklinik. Seit seinem 7. Lebensjahr nahm er Klavierunterricht, brachte sich autodidaktisch das Gitarre spielen bei, sang im Kirchenchor, später in einer Bigband und trat schon während seines Studiums solistisch auf. Mitte der 60-er Jahre gehörte er kurzzeitig zum „Oktoberklub“ und zum Singeklub der Leipziger KMU. Noch heute sind vielen seine Texte aus den ersten Jahren im Ohr – von „Lied aus dem fahrenden Zug zu singen“ über „Maria“ bis „Halali“. Seine ersten Rocktexte schrieb er für die Gruppe Renft. Noch heute zählen diese zu den bekanntesten Songs der Gruppe und erklingen bei jedem Konzer t.

1971 war Demmlers erste Amiga-LP „Kurt Demmler – Lieder“ erschienen, gefolgt von „Verse auf sex Beinen“ (1974), „Komm in mein Gitarrenboot“ (1979), „Jeder Mensch kann jeden lieben“ (1982), „Die Lieder des kleinen Prinzen“ (1985, Doppelalbum), „Kerzenlieder“ (1989), „Windsandundsternenlieder“ (1990), „Mein Herz muss barfuss gehn“ (2001). 1986 verabschiedete er sich von der Szene, stand aber noch bis kurz nach der Wende gelegentlich auf der Bühne, im Sommer 93 zog er sich endgültig zurück. Versuche, im vereinten Deutschland beruflich wieder Fuß zu fassen, misslangen beinahe alle.

In seinen letzten Jahren, in Storkow, hat er weiter geschrieben, vor allem für die Schublade. Wer wollte, konnte die neuen Texte auf seiner Homepage im Internet lesen, mit ihm darüber diskutieren. Er, der früher als Geizkragen verschrien war, bot sie jungen Leuten gratis an. Plötzlich war ihm Kommunikation wichtiger als Kohle. Er, der so lange bewundert und hofiert wurde, litt nun unter seiner Bedeutungslosigkeit. Auch sein Stolz, seine Verbitterung und seine Eitelkeit ließen ihn nicht auf ehemalige Mitstreiter zugehen. Stattdessen legte er sich mit einigen in Prozessen an. Sein Leben bestritt er aus seiner Rente und den Tantiemen, die noch immer reichlich flossen. Doch sein angehäufter Reichtum (zwei Autos, Boot, Segelboot, Grundstück am See) machten ihn nicht glücklich.

Abb.: Demmler in jungen Jahren, 1985 bei einem Auftritt in Berlin, 2007 beim Treffen der Ostkünstler,

Fotos: nl-Archiv, Dittmann

 Er litt an Diabetes, Herzproblemen, Depression – vor allem aber an Einsamkeit. Mit Vogel, Katze und Hund lebte er zurückgezogen am Storkower See. Bei meinem Besuch im Oktober 2005 in seinem Haus erzählte er mir, dass er nach einer enttäuschten Liebe Anfang der 90- er vorhatte, sich umzubringen. „Ich habe im Internet schon nach geeigneten Stricken gesucht.“ Irgendwie verließ ihn wohl dann der Mut. Doch in Gedanken bereitete er schon seinen Tod vor. „Frau Frederic hat mal einen Song aus Cats nachgesungen, den wünsche ich mir zu meiner Beerdigung“, erzählt er bei meinem Besuch vor fünf Jahren.

Am Morgen des 3. Februar 2009 erhängte sich Kurt Demmler wenige Stunden vor der Fortsetzung seines Prozesses, in seiner Zelle in Moabit. Zu den erhobenen Vorwürfen schwieg er bis zuletzt.

Ingeborg Dittmann

*Aus: „Mein Wort“, August 2008

Demmler-Hits

„Halali, der Fasching ist aus“, „Dieses Lied sing ich den Frauen“, „Mein Herz muss barfuss gehen“, „Zart soll es bleiben“, „Die Lieder des kleinen Prinzen“ (eigene Songs), „Du hast den Farbfilm vergessen“ (Nina Hagen), „Wer die Rose ehr t“, „Nach der Schlacht“, „Ermutigung“ (Renft), „Tagesreise“ (Horst Krüger Band), „König der Welt“ (Karat), „Der Kampf um den Südpol“, „Weißes Gold“ (Stern Combo Meißen), „Die Sixtinische Madonna“, „Tritt ein in den Dom“ (electra), „Wasser und Wein“ (Lift), „No Bomb“ (Berluc), „Ehrlich will ich bleiben“ (Karussell), „Rauchiger Sommer“, „Goldene Brücken“, „…dass ich eine Schneeflocke wär“ (Veronika Fischer)