Nüscht is mit „kürzer treten“

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke meint, nicht zu viel, sondern zu wenig (positiver) Stress mache krank


Nie werde ich vergessen, wie schlimm es war, als meine Mutter, unsere Omi, das erste Mal mit dem Rettungsdienst weggefahren wurde. Sie hat danach noch lange gelebt, aber trotzdem. Nun ist es mir auch passiert, aus heiterem Himmel, früh um 4 Uhr, mitten aus dem Schlaf heraus. Anzeichen wie Herzinfarkt: Schmerzen im linken Arm, Übelkeit, kalter Schweiß. Am Tag vorher hatte ich noch von einem Sarg mit einer wie ein Buchdeckel beschlagenen Platte geträumt, den ich mit Freunden in meinem Garten eingegraben habe. Ich merke mir Träume normalerweise nicht, aber der blieb hängen, obwohl auf keinen Fall mein Name auf dem Deckel stand Mein Gott, was einem in so einem Moment für Gedanken durch den Kopf gehen. Als ich da so auf der Kloschüssel saß, musste ich an meinen längst und viel zu früh verstorbenen Kollegen Peter Albert denken („Bis zum Horizont ist alles blond“) Dem wurde plötzlich komisch, er ging auf Klo, fiel um und war tot. Mensch, dachte ich, die dürfen dich nicht mit nacktem Hintern finden! Ich hab mich wirklich mit schwindender Kraft in unseren alten Omasessel geschleppt und gewartet, was passiert.

Als der Anfall vorüber war, habe ich noch ins Internet geschaut, ob der Anruf bei der Feuerwehr wirklich notwendig ist, aber dort stand: Unbedingt! Na ja, das war dann nun mein erstes Mal. Der Rettungsdienst kam prompt – trotzdem: Keiner meiner Nachbarn hat etwas mitgekriegt. Ach ja, und meine Untermieter waren am Wochenende natürlich auch nicht da.

Und nun habe ich Angst, abends ins Bett zu gehen, weil ich fürchte, es könnte jederzeit wieder passieren. Zwar renne ich zu gefühlt achtzig Ärzten – aber keiner findet etwas. Ich soll mehr Sport treiben. Und: „Na ja, wenn es wieder passiert, muss eben mal ein Stent gesetzt werden…“ Was ist denn das für eine Ansage? Und das, wo ich mich immer noch ins Spagat werfe, trotz anhaltender Zerrung dieses komischen Fußballermuskels in der Leiste. Aber immerhin: Ich bin kein Privatpatient, im Krankenhaus Neukölln wurde ich jedoch so behandelt, man muss ja auch mal ein Lob aussprechen. Und alle Freunde, die schon im neuen Handy gespeichert waren, kamen: Der Dolmetscher, der Professor, meine Elli. Meine Tochter habe ich davon abgehalten, sie sollte lieber ihre Theta-Wellen schicken. Mir helfen die! Theta-Heilung ist so etwas wie Fernheilung, wie Reiki und anderes, was oft als Scharlatanerie verteufelt wird – jetzt im letzten AOK-Heft aber wurde es positiv zitiert. Ich gehörte bis zu meiner Schilddrüsen- OP zu denen, die sehr skeptisch waren, es gab echte Beziehungskrisen zwischen mir und meiner Tochter Paula, die das ja irgendwann hauptberuflich machen will. Mein Kind, eine Scharlatanin? Aber jetzt glaube ich daran. Na gut, an meine Ceragem- Massageliege habe ich auch geglaubt, und hat‘s geholfen? Der Satz „Ceragem will, dass Sie gesund sterben“, den ich mal bei einer Werbeveranstaltung gehört hatte, grenzt ja schon an Kabarett – obwohl er ja wirklich wahr ist: Sterben müssen wir alle. Aber so lange wir leben, wollen wir gesund sein.

Nun, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, ermahnen mich alle, kürzer zu treten, an mein Alter zu denken ... Meine Güte, wie kurz soll ich denn noch treten? Seit der OP im September schont mich mein Chef, ich habe höchstens noch drei Vorstellungen im Monat! Die Hausarbeit für mein Studium, die natürlich Stress brachte, weil in der Endphase der Computer abstürzte und alle Vorarbeit mit ins Nirwana des Cyberspace nahm – vor allem die Fußnoten! – das ist doch alles mehr ein Hobby. Überhaupt das Studium: Jetzt forschen wir über die 60-er Jahre in Ost und West, das ist wie ein Krimi, noch mal in seine eigene Jugend zurück zu gehen. Nee, ich glaube, dass ich so dahin schwächele, liegt daran, dass ich zu wenig (positiven) Stress habe im Moment.

Giso Weissbach ist mir da ein Vorbild. Den habe ich Mitte Januar in Oberhausen besucht. Seit er da bei „Dirty Dancing“ arbeitet, also täglich als Mr. Schumacher, der charmante Dieb, auf der Bühne steht, ist er aufgeblüht wie eine Spätsommerlilie, sieht mit seinen 71 aus wie 60! Auch Gigi Oechelhaeuser, mit der ich beim Neujahrsempfang der Linken wie zu Ostzeiten eine Stunde in Eis und Schnee – ja, genau an dem Tag war das - am Café Moskau anstand, um die Garderobe abgeben zu können, sieht doch aus wie vor zwanzig Jahren, weil sie immer und immer wieder neue Programme auf die Bühne bringt.

Also, nüscht is mit „kürzer treten“. Und überhaupt – wahrscheinlich war es nur ein Grippevirus und gar nichts mit dem Herzen! Und jetzt fällt mir ein, es war auch nicht das erste Mal, dass ich in die Notaufnahme musste. Das erste Mal war, als ich mir mit 12 beim Spagat einen Splitter so tief ins Knie eingerammt hatte, dass er herausoperiert werden musste. Ich werde gesund sterben! Im Spagat?

In diesem Sinne                                                                                                                                                                                                             Eure Daggie