Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 89

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der vor zwei Jahren verstorbenen Sängerin Ines Paulke fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Ines Paulke

 

"Ich bin halt so ein Gefühlsmensch"

 

Es ist jetzt 13 Jahre her, als ich Ines in einem Gespräch die Frage stellte, wie sie mit Niederlagen umgehe. Ines: „Zuerst bin ich sehr verbittert, dann ein bisschen ängstlich, sagen wir besser niedergeschlagen. Und dann kommt die Wut über mich selbst, dass ich mich gehen lasse oder zickig bin. Und aus dieser Wut heraus fang ich an nachzudenken. Das dauert ne Weile… und dann kommt der Punkt, wo ich mich mit jemandem austauschen will.“ – Diese „Jemands“, Partner, Freunde oder Kollegen, standen der am 20. September 1958 in Gräfental (Thüringen) geborenen, gelernten Krankenschwester und späteren Sängerin immer zur Seite, selbst, wenn sie bei denen, die sie weniger gut kannten, als unterkühlt, unnahbar galt. Ihre äußere Hülle. Schutzschild für ihre empfindsame Seele?

 Elf Jahre später siegt die Verzweiflung. Die Kraft, ihre Wut herauszuschreien oder Rat und Hilfe von Freunden anzunehmen, hat die 51- Jährige nicht mehr. In der Nacht zum 18. Februar 2010 scheidet sie freiwillig aus dem Leben, unweit des Ortes in Bayern, wo ihre letzte große Liebe zerbrach. Ines Paulke war eine Perfektionistin. Ihre Leidenschaft fürs Singen begann schon in ihrer Schulzeit. Sie sang im Chor, gründete eine Singegruppe und stand schon mit 15 mit einer Band auf der Bühne. Klavier- und Gitarrenunterricht folgten und ein klassisches Gesangsstudium an der Bezirksmusikschule Gera. Sie war Sängerin der Geraer Amateurband „Motiv“ und wurde 1982, nach dem Nachwuchsfestival „Goldener Rathausmann“ in Dresden (1. Preis), republikweit bekannt. 1983 erhielt sie einen Fördervertrag vom Komitee für Unterhaltungskunst und legte ihren Berufsausweis als Sängerin ab. Der Musiker und Komponist Rainer Oleak holte sie 1984 in die Band „Datzu“, wo sie bis 1986 arbeitete, ehe sie ihre Solokarriere begann.

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Ihr wichtigster Partner war in den Folgejahren der Musiker, Komponist und Pop-Produzent Arnold „Murmel“ Fritzsch. Er komponierte für sie Songs, sie schrieb Texte, mit denen sie in die Pop-Geschichte der DDR eingingen – „Wie im Regen“, „Himmelblau“, „The Colour of my Tears“ oder „Hauch mir wieder Leben ein“ (Laute Worte/ immer wieder laute Worte/ bis man sich nicht mehr versteht/ Leise Stunden/ immer wieder leise Stunden/ ich denk, dass dann nichts mehr geht). Ihre Amiga-LP „Die Farbe meiner Tränen“ von 1988 wird erfolgreichste Platte des Jahres, setzt Maßstäbe, an die spätere spätere Veröffentlichungen wie die 1990 von WEA veröffentlichten Scheiben („Ich wollt, es wäre Nacht“, „Ich flieg fort“) nicht heranreichen. Immerhin bekommt sie als eine der wenigen ehemaligen „Ost-Pop-Stars“ nach der Wende die Chance zu produzieren. Doch nun fehlt ihr das Publikum.

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Das hat sie dann ein paar Monate in der Kleinen Revue des Friedrichstadtpalastes bei der Show „Dance, Dance, Dance“. Im Team fühlt sie sich gut aufgehoben, nimmt sogar noch einmal Ballettunterricht. Die Rolle der Einzelkämpferin, einer, die Klinken putzen muss, liegt ihr nicht. So tut sie sich mit Angelika Weiz und Anke Schenker zum Gospelprojekt „United Voices“ zusammen, produziert als „Ines Paulke & best Friends“ 2005 das Album „Good News“, spielt Theater und Kabarett und steigt bei den Kindershows von Reinhard Lakomy und Monika Ehrhardt als Sängerin (Frau Scheuche in „Geschichtenlieder im Traumzauberwald“) ein. Am 23. Dezember ist sie da zum letzten Mal zu sehen – als Christa Engel und als Lichterfee in der Kinderrevue „Weihnachtsluft im Traumzauberland“ im Admiralspalast. Sie spielt Rollen, bis ihr die Stimme wegbleibt. Es ist längst nicht mehr Ihres, kommt nicht von Innen. Ines Paulke rettet sich in eine neue Partnerschaft abseits des Showgeschäftes, zieht nach Bayern zu ihrer „letzten großen Liebe“. Als auch die zerbricht, kommt die Depression.

Sie scheiterte an ihren eigenen hohen Ansprüchen. Ein Pop-Sternchen unter vielen wollte sie nicht sein. Und so war es wohl nicht allein der Liebeskummer, der die Sängerin zu diesem verzweifelten Schritt am Ende trieb. Schließlich hatte sie mit ihren Männern noch nie Glück. Immer wieder zerbrachen ihre Beziehungen – die zu ihrem Ehemann (der beide Söhne aufzog), 2007 ihre langjährige Liaison mit dem Pianisten Peter Schenderlein von „Rumpelstil“ und Ende 2009 ihre „letzte große Liebe“ zu Helmut Maier, dem Geschäftsmann aus Bayern.

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Abb.: Ines mit wilder Mähne in den 80-ern, als eher interovertierte Sängerin in den 90-ern und bei Lackys Geschichten 2010 (Mi). 

Fotos: Schulze, WEA, Archiv 

Nach ihrem Freitod im Februar 2010 reagierten viele ihrer Bühnenkollegen bestürzt. Und fassungslos. Sie habe doch so viel Power gehabt und immer viel gelacht. Die „Farbe ihrer Tränen“ haben wenige erkannt. Ich finde, am besten brachte es Dirk Zöllner auf den Punkt: „Ich glaube, sie hat an einer Krankheit gelitten – an Heimatlosigkeit. Wenn man den Beruf, den man liebt, nicht mehr richtig ausüben kann.“

Ingeborg Dittmann