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gelbke1.jpg Der Blutdruck und die Mondphasen
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke vermisst
den Aufschrei der Solidargesellschaft und ließ sich im Palast „erleuchten“


Zunächst einmal eine Korrektur: Im Januar hat nicht das Jahr des chinesischen Feuerpferdes begonnen, sondern das des Holzpferdes. Na, Jott sei Dank auch! Denn in grausigen Vorzeiten töteten die Chinesen zum Teil ihre unter diesem Sternzeichen geborenen Kinder, so schlimm wirkte es sich auf den Charakter der Nachkommen aus. Das hölzerne Pferd ist etwas harmloser, aber ganz ruhig wird es 2014 unter diesem Regenten auch nicht werden, was die politische Lage in der Ukraine gerade beweist.

Ansonsten nervt das Finanzamt durch immer neue Belege, die ich erbringen soll, aber auch die neue Heizung, die so laute Durchlaufgeräusche produziert, dass man denkt, am Bahngleis zu sitzen. Okay, an solche Geräusche sollte ich mich in den nunmehr 30 Jahren eigentlich gewöhnt haben, denn ich wohne am Bahngleis, aber wir leben im 21. Jahrhundert und nicht im Dampflok-Zeitalter, da akzeptiere ich den Spruch der Handwerker nicht: „Das ist überall so!“ Ich kenne andere Heizungsanlagen, z.B. die von Gert Kießling, wo es eben nicht so ist. Also zanke ich mich mit der Heizungsfirma herum. Und das schadet natürlich dem Blutdruck. Was hatte ich doch in der Woche meines letzten Auftritts mit Gert Kießling für hohe Werte, keine Pille schlug an – bis wieder abnehmender Mond war. Klingt esoterisch, ist es vielleicht auch, aber beim letzten Neumond hätte ich mit 107/60 wirklich gar keine Pille gebraucht. Und nun, wo zunehmender Mond ist, steigen die Werte wieder rasant an. Und das, obwohl ich nie geraucht habe, höchstens mal EIN Bier trinke, Yoga und Tai Chi übe! Aber meine heilerisch begabte Tochter Paula hat nun, weil sie in großer Sorge um mich war, herausgegoogelt, dass man mit Blutspenden dem hormonell bedingten Bluthochdruck entgegenwirken könne. Na, das werde ich dann im Februar einfach mal, erstmalig im Leben, ausprobieren. Wenn es hilft, werde ich berichten – vielleicht profitieren dann auch andere Betroffene davon.

Worüber habe ich mich im Januar noch aufgeregt? Ach ja: Da muss ein großer Baumarkt schließen und die Werbung preist den Ausverkauf wie den größten Glückstreffer aller Zeiten an. Oder: Die internationale politische Lage ruft förmlich nach Solidaritätsbekundungen – Ukraine, Syrien, aber wofür votet das deutsche Volk? Dass Markus Lanz vom Sender verschwindet und wer das Dschungelcamp verlassen soll. Selbst die ach so seriöse Berliner Zeitung ist sich nicht zu schade, dort diese peinlichen Zeitgenossen – Wilfried Glatzeder nicht ausgenommen – vorzustellen. Und wo ist eigentlich der Aufschrei der Solidargesellschaft gegen die neuen, zugunsten des Wirtschaftswachstums aufgeweichten EU-Umweltstandards in Sachen erneuerbare Energien? Nirgends.

Ja, mein liebes Volk, wir zeigen wenig Zukunftsbewusstsein. Wie heißt es in einem neuen Sachbuch von Michael Tsokos und Saskia Guddat gerade provokativ: „Deutschland misshandelt seine Kinder“ - und das offensichtlich nicht nur durch Schläge, sondern auch durch Ignoranz der Zukunftsperspektiven unserer Nachfahren. Aber immerhin hat endlich der Winter begonnen und mein Dorf Altglienicke in einen verspäteten Weihnachtszauber versetzt. Meine Tochter, die gerade in Richtung Kanaren unterwegs ist, fand es so romantisch, dass sie am liebsten ihre Reise abgesagt hätte, um bei mir in Winterurlaub zu gehen. Und vielleicht fand ich wegen des weißen Glitzerns um mich herum auch die Winterrevue des Friedrichstadtpalastes „Erleuchtet“ so poetisch. Nach „Show Me“ wollte ich den Palast ja nie mehr betreten, aber jetzt bin ich versöhnt. Endlich wieder phantasievolle Bühnenbilder und Kostüme und eine kleine - deutschsprachige - Handlung, die durch die Berlinische Schneehasen-Puppe sogar kabarettistische Züge zeigte. Ja, und wie eine Zeitreise war es für mich auch: Da kam plötzlich ein schlaksiges Mädchen von vielleicht 12 Jahren auf die Bühne und führte durch die Handlung, sehr hübsch singend obendrein. So war ich vor über 50 Jahren, genau so. Ich stand auch mit 11 Jahren auf der Bühne des (alten) Friedrichstadtpalastes in der Sendung „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“, spielte mit Heinz Quermann, den ich in meiner Schlaksigkeit um einen Kopf überragte, einen Sketch und sang zwei Lieder mit großem Orchester. Sehr hübsch, wie die alten Bänder es beweisen. Tja, und nun steht da mein Ebenbild. Irgendwie bin ich also schon wiedergeboren. Ist doch ein hoffnungsvoller Gedanke. Ich sollte mich um das Mädel kümmern.

 In diesem Sinne: Kümmert Euch! 

Eure Daggie