Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 111

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Bluesband Engerling fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Engerling

 

Immer bodenständig geblieben


In diesen Tagen feiert die Berliner Bluesrockband „Engerling“ ihren 39. Geburtstag. Das passiert, typisch „Engerling“, live auf der Bühne und mit Hunderten „Geburtstagsgästen“ - ihren Fans, von denen viele die Band seit Jahrzehnten begleiten. Unglaublich das Mammutprogramm, das Bandchef Wolfram „Boddi“ Bodag (63), seine drei Bandkollegen und Manager Gert Leiser (seit 1978) in diesen Tagen absolvieren. Nach zwei aufeinander folgenden Konzerten in der Hellersdorfer „Kiste“ und in Friedrichshagen folgte am 7. Februar das große Release-Festival zur Doppel-CD „Live in Reitwein“ im Kesselhaus in der Berliner Kulturbrauerei. Da zelebrierte Engerling gemeinsam mit Freygang, der Jonathan-Blues-Band, Jürgen Kerth, Speiches „Monokel“ und anderen eine riesengroße Bluesmesse. Die dazu gehörige Doppel- CD (erschienen bei Buschfunk) ist ein Muss für jeden Bluesfan. Nichts also mit Füße hochlegen – gleich am nächsten Tag war ein Konzert in der Stadthalle Bernau angesagt.

 

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Nach diesem voll gepackten Programm hätten sich die Jungs eigentlich eine Ruhepause verdient – doch keine Zeit zum Relaxen: Am 13. Februar beginnt die nächste „Bühnen-Party“ – und diese 18. gemeinsame Tour, „The 20th Anniversary Tour“, führt die Band mit dem Musiker Mitch Ryder aus Detroit non stopp bis zum 18. März quer durch Deutschland – von Magdeburg, unter anderem über Dresden, Dortmund, Braunschweig, Hamburg, Frankfurt/ Main, Bonn, Nürnberg und Kassel, bis nach Leipzig. Mit fast täglichen Konzerten!

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Abb.: Die Band 1980 und 2010 auf der Parkbühne.  Fotos: nl-Archiv, Nachtmann

Seit 1994 begleitet Engerling Mitch Ryder auf dessen Tourneen durch Deutschland, Belgien, Österreich, die Schweiz, Frankreich, Holland, Schweden und Spanien. Sieben CD entstanden in dieser Zeit, zuletzt „It’s Killing Me Live“. Wie es zu diesem Glückstreffer kam, fasste Boddi in der für diese Band typischen Bescheidenheit so zusammen: „Der Manager suchte in Europa eine Begleitband für Mitch. Doch keine hatte Zeit. Deshalb nahm er uns.“ Gert ergänzt: „Mitchs Hamburger Management hatte Engerling 1989 zu einem Konzert nach Hamburg eingeladen und kannte die Band ziemlich gut.“ Im Hansa Tonstudio habe man eine erste gemeinsame CD aufgenommen und Engerling dann für die Tour engagiert. Fakt ist, dass die Band den Musiker seit ihrer Gründung 1975 verehrt. Mindestens ein Song von ihm ist bei jedem „Engerling“-Konzert Pflicht. Zur aktuellen Besetzung der Band gehören heute: Wolfram „Boddi“ Bodag (Keyboard, Gesang), Heiner Witte (Gitarre), Manfred „Manne“ Pokrandt (Bassgitarre) und Hannes Schulze (Schlagzeug). Von Anfang an dabei sind Boddi und Heiner, Manne kam 1986 dazu und Hannes, Boddis Sohn, sitzt seit 2005 an den Drums. Über all die Jahre wechselte die Besetzung zuweilen. So stand u.a. Waldi Weiz zwischen 1989 und 92 an der Gitarre, am Bass Jens Saleh, Gunther Krex und Christian Liebig. Der erste Drummer, Rainer Lojewski (1975-79), gehörte zu den Bandgründern. Man kannte sich von der Gruppe „Mobil“ (später „Pardon“). Erstaunlich, dass schon 1977 bei AMIGA die erste Single veröffentlicht wurde, da war „Engerling“ noch im Amateurlager. Doch eine Bluesband mit eigenen Songs in deutscher Sprache, das gab’s – abgesehen von Jürgen Kerth – damals nicht noch einmal in der DDR. Die beiden ersten Songs „Da hilft kein Jammern“ und „Der Zug oder die weiße Ziege“ sind noch heute Kult. Genauso wie „Mama Wilson“. 1979 erschien die erste LP „Engerling“ – 100 000 Exemplare gingen in der DDR über den Ladentisch. 1981 folgte „Tagtraum“, 1989 „So oder so“ (als CD wieder aufgelegt 1997).

Die Wende ‘89 und den damit einhergehenden Zusammenbruch der bisherigen Strukturen hat Engerling im Gegensatz zu vielen anderen Ostbands unbeschadet überstanden. Ohne Karrierebesessenheit kann’s eben auch keinen „Karriereknick“ geben. Sie machten einfach weiter wie immer – ohne aufwändige und spektakuläre Bühnenshows und Firlefanz. Schon von jeher zogen sie den intimen Charakter kleiner Clubs großen Hallen vor. Dort war ihr Publikum, ist es noch heute. Zu den „Großverdienern“ der Szene zählten sie noch nie. Im Mittelpunkt stand immer ihre Musik – geradliniger, urwüchsiger Blues, Boogie, Rock’n’Roll ...

Und natürlich gehören dazu auch die bodenständigen Texte von Boddi, der Komponist, Textautor, Musiker und Sänger in einem ist. Das wissen die Fans zu schätzen. Kein Wunder, dass ihre „Jubiläumskonzerte“ mit Gästen im Kesselhaus – ob zum 25., 30. oder 35. Geburtstag – stets ausverkauft waren. Und seit 1992 („Legoland“) mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder neue Scheiben auf den Markt kamen. Auch „Engerling spielt Stones“ gehört dazu. Das musste einfach sein.

Ingeborg Dittmann