gelbke1.jpg Schnupfnase mit Lampenfieber
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke hat eine ganz eigene Meinung
zur derzeitigen Islamdebatte und bereitet sich auf die „Heißen Zeiten“ vor

Ist eigentlich noch jemand Charly – oder sind wir jetzt alle schon wieder Dschungel-Camper und Bachelor- Voyeure oder gar ein närrisches Volk? Ich fand die Solidarität nach dem abscheulichen Attentat auf das französische Satire-Magazin „Charly Hebdo“ sehr berührend, auch wenn ich mir eine ähnliche anlässlich der vielen anderen Attentate der vergangenen Jahre in anderen Ländern gewünscht hätte. Und jetzt, wo das „Je suis Charly“ der Vergangenheit angehört, ist letztendlich die alte Losung, der Islam gehöre zu Deutschland, wieder verstärkt in die Schlagzeilen manövriert worden. Wer aufmerksam meine Kolumnen verfolgt, weiß, dass ich die Migrationsdebatte sehr differenziert führe, schon aus wissenschaftlichem Ehrgeiz als Studentin der Kulturwissenschaften heraus. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, dass die Wurzeln des Christentums im Islam liegen, wie ich neulich bei einem iranischen Intellektuellen bei Facebook lesen und dem auch widersprechen musste. Als der Islam die Welt eroberte – im 7. Jahrhundert nach Christus - war das Christentum schon 200 Jahre Staatsreligion im zerfallenden Römischen Reich, dessen Wurzeln vor allem im griechisch-römischen Wertesystem lagen – und nicht bei den Persern. Die waren damals schon auf dem absteigenden Ast.

Aber ist diese längst vergangene Vergangenheit so wichtig, dass man sie auf die politische Tagesordnung setzen muss? Nun, in Zeiten von Pegida und Legadadada und wie sie alle heißen, wohl schon. Also sage ich hier ganz offen: Nein, DER im Namen Allahs mordende Islam gehört nicht zu Deutschland. Und das würde ich gern öfters auch von muslimischen Mitbürgern hören, die selbstverständlich, wie Gläubige aller anderen Religionen auch, zu Deutschland gehören, wenn sie sich als Bürger dem Grundgesetz verpflichtet fühlen. Doch es gibt in Diskussionen mit Muslimen immer dieses: Ja, wir verurteilen solche Aktionen, aber ...

Aber was? Karikaturen sollen verboten werden? Wenn nicht, muss man Verständnis haben, wenn gemordet wird? Ich rege mich dann immer sehr auf, weil auch diese Art von rückständiger Verbohrtheit immer mehr Menschen zu offen fremdenfeindlichen Demonstrationen treibt – auch wenn klar ist, dass die ganz genau so rückständig verbohrt sind. Allerdings zeigen diese Aufmärsche auch, wie gut es uns im Osten geht, wenn wir keine anderen Probleme haben, als die „Islamisierungs“ quote von 0,0 (ich weiß nicht, wie viel Prozent hinter dem Komma). Ehrlich, ich schäme mich für diese Sachsen im Tal der Ahnungslosen. Und wahrscheinlich laufen alte Bekannte von mir in den Pegida-Reihen mit.

Aber über so etwas wird in Datteln bei Castrop-Rauxel, wo ich für „Heiße Zeiten“ probe, nicht diskutiert. Datteln ist der größte Kanalknotenpunkt der Welt, der Dattelner Meer genannt wird. Wer hätte das gedacht! Und das Katielli-Theater, wo ich an Weiberfastnacht Premiere haben werde, wurde nach Oma Kati und Oma Elli, die einst den Theaterleiter Bernd Julius Arends großzogen, benannt – ist das nicht hinreißend liebevoll? Überhaupt geht man da im Westen sehr lieb miteinander um – die Regisseurin bedankt sich nach jeder Probe. Bernd sagt uns jeden Tag, wie toll er uns findet – und ist selbst ein hinreißender Sänger und Komödiant. Wie meine Kolleginnen, die mit ihren tollen Stimmen meinen Ehrgeiz anstacheln und mich in Selbstzweifel stürzen. Vierstimmige Sätze habe ich lange nicht mehr singen müssen. Und was man lange nicht macht, verlernt man irgendwie schon. Peinlich auch, dass ich nicht mehr so schnell den Ablauf der Choreographien begreife wie früher. Gut, unsere neuseeländische Ballettchefin ist wunderbar chaotisch: „Also, wir machen one two three und dann Step bounce turn. Und dann machen wir das und dies und jenes.“ Leider sagt sie nicht, wann genau die jeweilige Bewegung stattfinden soll, das muss man einfach im Blut haben. Jedenfalls habe ich schreckliche Angst zu versagen. Vielleicht bin ich ja deshalb immer wieder erkältet, seit September alle vier Wochen. Ich glaube, es wird Zeit, dass ich mal wieder richtig verreise. Und nicht immer nur in Zügen und Bussen zwischen Berlin und Dortmund und Frankfurt hinund herpendele, was der Genesung nicht gerade dienlich ist. Ja, ja, die 65, die im Sommer mein Leben übernehmen wird, kündigt sich an.

Apropos Alter: „Honig im Kopf“ ist einer der besten deutschen Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Haben Rita und ich geheult! Dieter Hallervorden ist großartig und so authentisch. Ich kann nur sagen, alle Preise der Welt für diesen Film! Und: Herbert Köfer wird am 17. Februar dieses Jahres seinen 94. Geburtstag auf der Bühne begehen, in „Rentner haben niemals Zeit“ in Ludwigsfelde. Leider ohne Ingeborg Krabbe, die beim Packen ihrer Tourneekoffer für just dieses Spektakel über ein Kabel in ihrem Haus gestolpert ist und seitdem nicht mehr laufen kann und der ich von hier – sicherlich im Namen aller jot w.d.- Leser – baldige Genesung wünsche!

Eure Dauerschnupfnase Daggie