gelbke1.jpg Wenn Gott eine Frau wäre
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke bereitet sich auf ihren Spanien-Job vor
und zweifelt am tieferen Sinn ihrer Semesterarbeit

Die Reisevorbereitungen für Teneriffa laufen. Endgültig los geht es am 16. Mai, ich bleibe bis zum 13. November. Habe mich schon mit meinem alten Freund Jürgen Walther verabredet, der dort seit Jahren ein Haus hat. Habe mir auch ein spezielles Kofferpacksystem überlegt: Man könnte doch die Sachen in solche Vakuum- Behältnisse legen, um mehr Platz zu haben? Für sechs Monate braucht man schon ein wenig mehr an Klamotten als für eine Woche, oder? Mein Haus ist in dieser Zeit vermietet an meinen treuen „Gastsohn“ Nico, der bei mir seine Bachelorarbeit schreiben und dann auch den Rasen mähen wird. Eventuell kommt auch eine Kollegin aus Datteln, die im „Tanz der Vampire“ eine Hauptrolle ergattert hat. Da gibt es allerdings ein Problem: Yvonne muss in ihrem früheren Leben ein Waschbär gewesen sein. Sie wäscht und wäscht und wäscht. Abgesehen von der Wasser- und Stromrechnung weiß ich nicht, ob meine 15-jährige Waschmaschine das noch mitmacht. Aber Yvonnes Mutter würde das Haus streichen, die Zimmer renovieren. Da sollte man vielleicht tolerant sein und eventuell eine neue Waschmaschine anschaffen?

Aber im Moment bin ich mit meiner letzten Semesterarbeit vor dem Bachelor beschäftigt. Termin: 3.3.2016. Es geht um Kabarett als Integrationschance aus Sicht der Soziologie, und ich muss gestehen, beim Studieren der Sekundärliteratur erscheint mir das Thema im Vergleich mit der uns gerade umgebenden Realität doch sehr banal zu sein. Zumal sich gerade Kabarettisten mit Migranten-Hintergrund – ich meine jetzt nicht ehemalige DDR-Kabarettisten – kaum zur aktuellen Lage äußern, geschweige denn mit Lösungsvorschlägen aufwarten können.

Wie auch? Der Staat, den die unerschrocken weiter hier Ankommenden so bewundern, hat Strukturen, die ihm ermöglichen, so ‘bewundernswert‘ zu sein, aber nur, wenn sie nicht eingerissen werden. Und der Flüchtlingsstrom stellt eine Störung dar, der das Gebäude zum Einsturz bringen kann. Ganz realistisch muss jeder denkende Mensch das so sehen. Aber von der Kabarettbühne herunter das so zu äußern, brächte den Akteuren das Attribut „menschenfeindlich“ ein. Wer als Humanist und Künstler will sich das schon aufbürden. Also bleibt es politisch korrekt bei Nazi- und AfD-Häme, da liegt man immer noch immer richtig.

In diesem Zusammenhang bewundere ich den französischen Schriftsteller Michel Houllebecq, der mit seinem Roman „Unterwerfung“ eine großartige Vision von der Gesellschaft `danach` gezeichnet hat; eine Vision für die Zeit nach der Abwahl der Gesellschaftsstruktur, so wie wir sie kennen. Erschreckend eigentlich, aber sehr unterhaltsam. Ich kann jedem die Lektüre dieses Werkes nur ans Herz legen. Es zeigt nämlich, dass wir uns alle – mit unserer bigotten Gleichgültigkeit, unserem gelangweilten Egoismus und unserem selbstsichren Sattsein – dem Lauf der Welt unterwerfen, egal, wer an der Macht ist. In „Unterwerfung“ sind die Muslimbrüder von Paris an die Macht gekommen – durch demokratische Wahlen. Mit Unterstützung der Linken. Wie schon gesagt: Erschreckend, weil auch noch amüsant.

Wir haben bald Wahlen. 2017 ist schnell heran. Allerdings werden wir, im Gegensatz zu Frankreich, bis dahin noch keine „breite muslimische Wählerschaft“ haben. Dafür eine, die die AfD stärkt. Da wird mir umso banger. Eigentlich kann man nur beten – zu welchem der Propheten auch immer – dass die FDP wieder Wählergunst gewinnt, als Alternative zur Alternative für Deutschland. Als Zwischenlösung. Erst mal.

Apropos Prophet! Ich habe noch einen Kulturtipp – ist leider schon fast raus aus den Kinos: Der belgische Film „Das brandneue Testament“. Neben „Mr. Holmes“ – dem hinreißenden Pendant zu „Honig im Kopf“ – die beste Satire auf das göttliche Treiben, das damit endet, dass Gott nach Usbekistan abgeschoben wird und seine Frau, auch eine Göttin, aber bisher Hausfrau, am Computer das Weltgeschehen steuert. Sie kreiert einen Himmel mit bunten Stickmustern statt mit Wolken und Stürmen und trifft eine revolutionäre Entscheidung: Ab sofort müssen die Männer die Kinder austragen und gebären. Ja, wenn Gott eine Frau wäre – wäre dann wirklich alles anders auf der Welt?

Kommt gut durch den Winter!

Eure Daggie