Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 135

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Sängerin Helga Zerrenz fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Helga Zerrenz

 

Die Sängerin mit der dunklen Stimme

Mit ihrer dunkel gefärbten Altstimme war Helga Zerrenz eine Ausnahmeerscheinung in der Schlagerszene der DDR. Jahrzehntelang hatte ich die besonders in den sechziger und siebziger Jahren bekannte Sängerin nicht mehr gesehen und gehört. Und dann stand sie vor ein paar Jahren inmitten all der anderen Gratulanten zum 100. „Kofferradio“ von Moderator Siegfried Siggi Trzoß auf der Biesdorfer Parkbühne: Eine noch immer gertenschlanke Frau mit der noch immer rauchigen, dunklen Stimme. Und sang unter anderem ihren wohl größten Erfolg „Die Lichter im Hafen“ (Komposition Wolfgang Kähne) von 1967, als wären inzwischen nicht Jahrzehnte vergangen Auch zu seiner 500. Live-Ausgabe des „Kofferradios“ am 30. August 2015 holte Trzoß sie auf die Bühne des Arndt-Bause-Saales im Freizeitforum Marzahn. Da stand die zierliche, inzwischen 75-jährige Sängerin denn bescheiden neben ehemaligen Kollegen wie Peter Wieland, Regina Thoss, Holm & Lück, Michael Hansen oder Vera Schneidenbach – Interpreten, die über all die Jahre und bis heute mehr oder weniger präsent auf der Live-Bühne oder auch in Fernsehsendungen zu erleben waren.

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Helga Zerrenz war über viele Jahrzehnte nur noch selten auf der Bühne zu erleben und doch hatten viele ihre Schlager wie „Kirschen pflükken“, „Ich suche dich“, „Charly“ und natürlich die „Lichter im Hafen“ noch im Ohr, genauso wie ihre außergewöhnliche Stimme. Helga Zerrenz wurde am 19. März 1940 in Berlin Neukölln geboren. Ihre Kindheit und Jugend verlief alles andere als glücklich und behütet. Mit zwei Jahren wurde sie von ihrer Mutter in eine Psychiatrische Anstalt gegeben. Erst mit 10 Jahren wird sie in ein „normales“ Kinderheim in Cottbus entlassen. Auch hier erlebt sie Schreckliches. Mit 15 bekommt sie eine Stellung als Bürohilfe im Kombinat „Schwarze Pumpe“, darf „wegen ihrer schönen Stimme“ sogar beim Betriebsfunk mitmachen. Und sie nimmt 1963 am von Heinz Quermann initiierten Talente-Wettbewerb „Herzklopfen kostenlos“ teil. So richtig los mit ihrer beruflichen Karriere ging es aber erst, als der Leipziger Musiker Harry Nikolai eine Sängerin suchte. 

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Helga wurde engagiert und gastierte mit dem Trio auch in Budapest und Bratislava. Zurück in Leipzig nimmt sie Gesangsunterricht bei Frau Brinkmann, der Mutter von Frank Schöbel. Der Musiker, Komponist und Redakteur Jürgen Fromm verschafft der jungen Sängerin einen Termin zum Vorsingen beim Rundfunk. So entstehen ihre ersten Funkaufnahmen wie „Kirschen pflücken in fremden Gärten“ (1966) und „Die Lichter im Hafen“ (1967). Letzterer Song kommt 1968 auf einer Amiga-Single heraus, „Ich suche dich“ 1967. Mit diesem Song von Siegfried Uhlenbrock nimmt Helga auch erfolgreich am DDR-Schlagerwettbewerb teil. Von da an war die zierliche Sängerin mit der „Knef-Stimme“, wie viele sagten, gern gesehener Gast in diversen Rundfunk- und Fernseh- Sendungen, gastierte auf den Live-Bühnen im In- und Ausland. Weitere Schlagertitel wie „Charly“, „Brief an dich“, „Ein Strom, der Liebe heißt“, „Regentag“ oder „Hoffnung“ bleibt“ konnte sie im Funk produzieren. 1968 coverte sie den Hit von Alexandra „Walzer des Sommers“. Als politisch nicht tragbar eingestuft, wurde er in der DDR zeitweise nicht gespielt.

Nach der Wende Anfang der 1990-er Jahre zog sich Helga Zerrenz von der Bühne zurück, nur gelegentlich trat sie noch auf. Mitte der 1990-er erschienen jedoch als CD-Produktion Songs wie „Abschied vom Meer“, „Ohne Sehnsucht“ und „Wie viele Träume“.

Helga Zerrenz lebt in einer kleinen Wohnung in Berlin, Prenzlauer Berg. Im Moment ist sie nach einem Unfall auf dem Weg der Besserung. Am 19. März ist ihr 76. Geburtstag.

Ingeborg Dittmann

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Abb.: Helga Zerrenz auf einer Autogrammkarte von 1971, beim „Kofferradio“ 2015 in Marzahn sowie die Platte ihres bekanntesten
Schlagers.
Fotos: Nachtmann,
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