Musiklegenden des Ostens - jot w.d.-Serie. Teil 9

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser - also in den 50er, 60er und 70er Jahren - Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und vielen anderen. Wir setzen heute unsere Serie mit der Sängerin Britt Kersten fort. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

Britt Kersten

Viele Schicksalsschläge überwunden

 

Die temperamentvolle Blondine begeisterte ihr Publikum zwischen Kap Arkona und Fichtelberg mit Schlagern wie "Blond wird großgeschrieben", "Aller Anfang ist schwer" (Duett mit  Nina Lizell) oder "Ausgerechnet du und ich" (Duett mit Bert Hendrix). In der Fernseh- Hafenbar "Klock 8 - achtern Strom" sorgte sie mit ihren Seemannsliedern für Stimmung. Kaum jemand wusste damals, welch tragisches Schicksal der Sängerin 1964 widerfahren war. Ein schwerer Unfall hätte ihrem jungen Leben beinahe ein Ende gesetzt.

Fast 40 Jahre liegen zwischen diesen beiden Aufnahmen. Wenn Britt Kersten ein gutes Buch in die Hand bekommt, vergisst sie die Zeit.

Ihren größten Hit "Männer müssen Männer sein" hat die grazile Sängerin zwei Männern zu verdanken, denen sie künstlerisch, . aber auch privat am nächsten steht: ihrem Texter und Freund Dieter Schneider und ihrem Ehemann, dem Komponisten Gerhard Siebholz. Siebe, wie ihn seine Freunde nannten, schrieb Hits, mit denen Regina Thoss ("Die erste Nacht am Meer"), Frank Schöbel ("Der Fußball ist rund wie die Welt") oder Hauff/Henkler ("Das war ein Meisterschuss") zu Stars wurden. Anfang 2003 erlag der bekannte Komponist mit 70 Jahren einem Krebsleiden.

"Ein Leben ohne ihn konnte ich mir nie vorstellen. Als wir heirateten, war ich 20! Wenn man nach 44 Jahren einen Teil von sich verliert, weiß man erst mal nicht weiter", sagt die ehemalige Sängerin. Noch immer lebt sie in der 8. Etage des Plattenbaus an der Schillingstraße, der ehemals gemeinsamen Wohnung. Nach dem Tod ihres Mannes überlegte sie, ob sie wegziehen sollte. Doch sie blieb. "Hier kennt und vertraut man sich, kann den Schlüssel auch mal bei Nachbarn abgeben, die sich bei Abwesenheit um die Blumen oder den Briefkasten kümmern."

 

jot w.d.: Wie meistern Sie Ihr Leben seit dem Schicksalsschlag?

Mein Mann war immer voller Lebensfreude, hätte nicht gewollt, dass ich resigniere. Noch im Krankenhaus schrieb er lustige Gedichte. Nach seinem Tod musste ich mich notgedrungen den Erfordernissen des Alltags stellen. Da stand ein Computer, mit dem ich mich vorher nie auskannte. Also habe ich Lehrgänge besucht. Mit Hilfe von Freunden habe ich gelernt, den ganzen Papierkram zu packen. All das hatte er mir ja abgenommen. So langsam beginne ich, mich in meinem dritten Leben einzurichten.

Dem " dritten Leben "?

Mein erstes Leben als Sängerin war nach einem schweren Autounfall 1964 über Nacht zu Ende. Nach einem doppelter Schädelbasisbruch wachte ich auf und wusste nicht mehr, wer ich bin. Alles, auch zu  sprechen, musste ich neu lernen. Nach zwei Jahren stand ich wieder auf der Bühne. Nach Siebes Tod begann mein drittes Leben

 

Wiedersehen nach mehr als 40 Jahren - Britt und ihre Schulfreundin Rosie 2004 in Britts Berliner Wohnung. Die beiden kennen sich seit der gemeinsamen Grundschulzeit in Eberswalde.

Fotos: Dittmann

Sie sind in Eberswalde aufgewachsen. Wollten Sie damals schon Sängerin werden?

Meine Eltern hatten einen Friseurladen, da hab ich oft ausgeholfen. Nach dem Abi hab ich eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht, nebenbei immer Klavier- und Akkordeonunterricht genommen und gesungen. Dass ich Sängerin wurde, daran war mein Mann, den ich in Eberswalde kennen lernte, nicht ganz unschuldig.

Zu Ihrem Repertoire gehören viele Seemannslieder. Woher kommt Ihre Vorliebe für die Küste?

Siebi und ich - wir liebten das Meer. Seit vielen Jahren war Zingst unsere zweite Heimat.

Zog es Sie nie wieder auf die Bühne?

Das hätte mich schon gereizt. Doch nach der Wende gab es kaum noch Auftrittsangebote für uns "Ehemalige". Und ab 50 gehört man heutzutage ja schon zum alten Eisen.

Ingeborg Dittmann