Kultivierte türkische Männer und hinreißende Filme
Kabarettistin Dagmar Gelbke fährt nach Troja und träumt vom Sommer vor’m Balkon

Bevor ich’s vergesse, ihr quirligen „Fischlein“: Hallo, lieber Günter Gollasch, herzlichsten Glückwunsch zum 82. am 8.3.! Hallo, lieber Peer Schmidt, herzlichsten Glückwunsch zum 80. am 11.3.! Hallo, lieber Jaeckie Schwarz, herzlichsten Glückwunsch nachträglich zum 60. am 26.2.! Gesund und aktiv bleiben, das ist das Wichtigste! 

Ja, ich kann wieder klugscheißern. Gerade habe ich die Premiere des ersten multimedialen Kabarett-Programms bei den „Frankfurter Oderhähnen“ hinter mir („Die Schnäppchen-Show“), da überfällt mich als Vorbote der jährlichen Frühjahrsdepression die zyklische Nachpremieren-Depression.

Praktisch äußert sich eine Depression bei mir darin, dass ich stundenlang da sitze und sehr aktiv warte, ob etwas passiert, z.B. dass sich liegengelassene Rechnungen selbst bezahlen, der Abwasch sich selbst in die Spülmaschine räumt oder dass Oma ihr Essen allein kocht. Jetzt, wo sie wegen des H5N1 bei den Vögeln und der Trichinella pseudospiralis bei den Wildschweinen mal wieder nur Marmeladenbrötchen zu sich nimmt, was ihrem Diabetes mellitus gar nicht gut tut. 

Wenn ich dann gezwungen bin, aus meiner Depressions-Meditation zu erwachen, ist meist eins der Telefone schuld. Und dann bin ich erst mal wütend. Seit ich die Anbieter gewechselt habe, werde ich ununterbrochen belästigt, ob ich Lotto spielen oder zukünftig 11 Prozent am Preis meiner Urlaubsreisen sparen will und und und ...

Von wegen – meistens kosten die Reisen in diesen Katalogen von vornherein 50 Prozent mehr als in anderen. Allerdings – elf Prozent vom Reisepreis wären nicht schlecht, denn wohin kann man denn im Moment noch preiswert verreisen? Und ich bin schon wieder urlaubsreif. Ende März geht es auf Bildungsbilligreise mit Elfriede, meiner Freundin aus Tegel, die ich vor 23 Jahren in Bulgarien kennen gelernt habe. Diesmal wollen wir Troja entdecken. 

Fährt man jetzt, angesichts brennender Fahnen in Frauen- und Kinderhänden, dorthin? Als esoterisch-atheistische Frau? Als eine, die über sich selbst vor allem, aber auch über Papst-Karikaturen oder über „Das Leben des Brian“ von Monty Python – einen der ketzerischsten Jesus-Filme des vergangenen Jahrhunderts – laut lachen kann? Als eine, die im neuen Kabarett-Programm ein T-Shirt etabliert hat, auf dem geschrieben steht: „Im Himmel sind die Jungfrauen – alle“? Als eine, die sich im stillen fragt, warum die Jury beim Friedensfilmfest der Berlinale dann doch den bosnischen Film mit dem „Goldenen Bären“ auszeichnet und nicht den dänischen Beitrag? 

Mein verehrter österreichischer Kollege Dr. Werner Schneyder hat es auf den Punkt gebracht: Diese permanent beleidigten Weltreligionen gehen mir auf den Geist, alle. Sie können mich mal – vor allem in Ruhe lassen! Die einzigen, die noch stille halten, sind die Buddhisten, aber, so Schneyder, es wird nicht mehr lange dauern, dann kommen die auch. 
Zwar sollten wir nicht vergessen, dass unser christliches Mittelalter mit seinen Hexenverbrennungen gar nicht soweit zurück liegt – noch im 19. Jahrhundert gab es Scheiterhaufen in der Schweiz. Aber auch einen Martin Luther gab es – gegen die Jahrhunderte alte allmächtige katholische Kirche. Das lässt doch auch für den Islam hoffen, oder? 

Ich habe jedenfalls in den moslemischen Ländern bisher nur angenehme und weltoffene Menschen getroffen, selbst Oma war begeistert vom Apfeltee-Service in türkischen Geschäften. Und vor Ort haben wir weniger Frauen mit Kopftüchern gesehen als in Kreuzberg. Elfriede und ich sind im vergangenen Jahr per Linienbus durch die Türkei gereist, einmal als einzige Frauen unter 60 Bauarbeitern, und wir wurden höflich und zuvorkommend behandelt, so wie kultivierte Menschen aller Kulturen eben Gäste behandeln. Ich glaube, dass die Menschen der unterschiedlichen Religionen sehr gut miteinander leben können, wenn sie sich nicht von den Machtgelüsten falscher Propheten vereinnahmen lassen. Wir Deutsche können davon ja ein böses Lied singen.

Wir alle haben noch eine Menge zu lernen. Ich hab mir zum Beispiel aus gegebenem Anlass endlich einmal die Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“ genauer durchgelesen ... Und mir „München“ von Steven Spielberg angeschaut. Ein wichtiger Film, auch wenn das Genre nicht jedermanns Sache ist.

Der hinreißendste abendländische Film der Jetztzeit ist für mich allerdings „Sommer vor dem Balkon“. Ach, könnte die Welt doch einfach nur so sein. Nicht gerade optimistisch, nicht gerade glücklich, nicht gerade reich - aber friedlich ... 

Bis zum nächsten Mal
Eure Daggie Gelbke