Schlammpoeten, Ökostrom und Uschi Obermayer

Kabarettistin Dagmar Gelbke macht sich so ihre Gedanken zu neuen Vortragsformen

In der Kabarettszene tobt der Krieg. Nein, nicht der, den zu bekämpfen Kabarettisten eigentlich antreten sollten, der Krieg gegen die Volksverdummung, sondern der Kleinkrieg des Konkurrenzhickhacks. „Die Drei von der Zankstelle“ vom mdr sind in ihn verwickelt, und zwischen dem etablierten ARD-„Scheibenwischer“ und „Neues aus der Anstalt“ vom ZDF wird demnächst die Quote über Gedeih und Verderb entscheiden. Aus der „Zankstelle“ wurde der hervorragende Solist Lothar Bölck herausintrigiert. Aus dem „Scheibenwischer“ der wunderbare Georg Schramm, leider haben sich die beiden nicht zusammen getan.

Bölck tingelt durch’s Land und finanziert damit sein eigenes Kabarett in Halle. Schramm betreibt mit Urban Priol die neue „Anstalt“, wobei meine Freundin Dr. Ute gleich nach der ersten Sendung über Priols Aussehen gemeckert hat. Als ob das eine Rolle spielt, schauen wir uns doch unsere Politiker an!

Aber Ute hatte schon immer den Hang, einen besonderen Geschmack zu zeigen. Ihr geht z.B. der beste Parodist des Landes, Matthias Richling, auf die Nerven. Da kann ich dann nichts mehr zu sagen. Wenigstens findet sie meinen Freund Martin Buchholz nach wie vor Klasse (jeden Sonntag 16.30 Uhr bei den „Wühlmäusen“ am Theo). Auch, wenn er Bölcks Schicksal teilt, und von den Medien und den dort etablierten Kollegen konsequent geschnitten wird. Obwohl er als nach wie vor genialer Sprachakrobat längst nicht mehr so scharfzüngig ist wie zu Zeiten, da ich ihn kennen lernte. Aber das muss an den Zeiten liegen.

Eigentlich will ich nur sagen, echte Scharfzüngigkeit und genaue politische Analyse sind im Fernsehen nicht gewollt – oder sieht man z.B. den großartigen Volker Pispers oft über den Bildschirm flimmern? Da schon eher verbrämte Geschichtsaufarbeitung à la Uschi Obermayer. So was politisch Unbedarftes ist mir ja lange nicht begegnet, auch wenn sie mir, wie sie so locker daher bayert, auf den ersten Blick sympathisch ist. Und was für einen beneidenswerten Körper hat sie mit 60! Trotz Drogen, Sex und Rock’n’ Roll. Ja, aber ist das nicht eine schicke Botschaft an die heutige Jugend: „Eh, die paar Joints und geschnupftes Heroin machen gar nichts!“? Ich könnte kotzen. (Meine Tochter Paula sagt, so formuliere ich nur, wenn ich wirklich wütend bin.)

Ganz schlimm aber finde ich, dass anhand dieser Frau die doch weltbewegende 68er Bewegung aufgearbeitet wird. Wären alle von denen wie sie gewesen, hätten wir heute eine schöne heile Hippie-Welt und nicht diese „etablierten Leistungsträger“ in Grün, ich nenne nur Rezzo Schlauch. (Das ist der Grüne, der im Aufsichtsrat von EnBW sitzt, einem Energieerzeuger, der zwei Atomreaktoren im Ländle betreibt.)

In dem Zusammenhang komme ich nicht umhin zu melden, dass ich zum Umweltstrom von Vattenfall gewechselt habe und es mich nur 5 • mehr kostet im Jahr. Ich finde, das ist machbar. Muss mein fetter Kater in einem Monat eben nicht dreißig Dosen Katzenfutter fressen, sondern nur achtundzwanzig. Aber ich wollte ja übers Kabarett nachdenken.

Wenn ich mich heute so in der Satirelandschaft umschaue, stelle ich fest, dass aus ihm eine ältere Dame geworden ist, vielleicht auch eine mit Hang zur Hurerei. Es ist an der Zeit zu schauen, welche Nachkommen sie gezeugt hat. Ich sage nur das Stichwort: Slam Poetry („Zuschlagende Poesie“), ein von den Medien kaum bemerktes Phänomen, das wie ein Virus um sich greift, vor allem unter jungen Leuten – denen ja gern nachgesagt wird, dass sie sich für Literatur nicht interessieren.

Unter Slam Poetry versteht man Dichterlesungen, manchmal auch Dichterwettbewerbe, die aber „performt“ werden sollen und eine strikte 5-Minuten-Zeitbegrenzung des Performers verlangen (übersetzt heißt Performance „Aufführung“). Menschen, die sich zum Schreiben berufen fühlen, stellen sich auf ein Podium und lesen Geschichten aus dem Leben mit all seinen Facetten. Allein das Publikum entscheidet mit seinem Applaus, was als gut oder schlecht zu bewerten ist. Übrigens: Im Gegensatz zum politischen Kabarett sind in dieser Szene Frauen als Protagonisten gern gesehen.

Dr. Seltsam, ein in der Berliner Kabarettwelt einschlägig bekannter 68er Sprössling, betreibt eine satirische Form dieser neuen Literaturbewegung schon seit Jahren in seinem „Dr. Seltsams Frühschoppen“ an wechselnden Spielorten. Zur Zeit kann man ihn in „Dr. Seltsams Frühschau“ erleben, immer sonntags um 13 Uhr im „Max und Moritz“ an der Oranienstr. 168, Eintritt frei. Seine ehemaligen Mitstreiter treten unter dem Motto „Der Frühschoppen“ ebenfalls immer sonntags um 13 Uhr im „Schlot“ an der Chausseestr. 18, auf. Auch hier ist der Eintritt frei. Meine Tochter reist für diese Leidenschaft schon mal schnell nach Hamburg oder Frankfurt am Main, um ihre – vor der Mutter sorgsam versteckten – Werke zu performen. Manchmal stellt sie ihre Texte in der U-Bahn vor. Da gibt’s zwar keinen müden Cent, sagt sie, aber viel Applaus. Immerhin. Neuerdings liest sie auch, mit seiner Zustimmung, oft einen der kabarettistischen „Wochenschauer“ von Martin Buchholz vor. Da gibt es dann noch mehr Applaus. Schließt sich der Kreis zwischen Jung und Alt manchmal doch noch? Das fragt sich bis zum nächsten Mal

Eure Daggie Gelbke