Frühjahrsputz beugt Depressionen vor

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke machte beim Aufräumen spannende Entdeckungen

Hier zunächst einmal der versprochene Name dieser tollen Kabarettistin, die gemeinsam mit Peter Hiller – und nun auch den ehemaligen Kartoon-Protagonisten – im Kabarett Charly M. an der „Charly-Marx-Allee“ zu sehen ist und wegen der ich vor kurzem mal wieder meine eigene Kunst an den Nagel hängen wollte: Lina Wendel. Das Charly M. spielt ab sofort übrigens täglich.

Beim Schreiben dieser Kolumne denke ich an unsere jot w.d.-Redakteurin Ingeborg Dittmann, die dieser Tage im Krankenhaus liegt und der ich, ich glaube im Namen aller Leser, auf diesem Wege von Herzen schnelle Genesung wünsche.

Außerdem mache ich – auch durch den Schock, wie schnell Stress durch unterschiedlichste Überlastung zur klinischen Diagnose wie bei Inge werden kann – gerade so eine Art von emotionalem Frühjahrsputz. Meine Tochter Paula ist tatsächlich wieder ausgezogen. Das bedeutet aber nicht, dass ihr Kater, ihre vielen Schuhe und andere Klamotten mit umgezogen sind. Trotzdem will ich nun endlich ausmisten.

Ausmisten? Das klingt so abwertend. Als hätte ich nur Mist angesammelt im Leben. Entrümpeln? Ist es „Gerümpel“, woran Erinnerungen kleben (und viel Geld, das man lieber hätte sparen sollen für schlechtere Zeiten, die ja wirklich gekommen sind)? Und vereinfacht sie wirklich das Leben, die Simplify-your-life- Methode? Führt nicht gerade sie in die oft von mir beschworene Frühjahrsdepression, weil man erkennt, wie viel Lebensenergie für Dinge verschwendet wird, die man am Ende zum Trödelmarkt bringt? Und ist es wirklich „Trödel“, wo es doch ohne ihn viel weniger Glücksmomente im Leben gegeben hätte? Welch Hochgefühl war es zum Beispiel, ein Buch oder eine LP im wahrsten Sinne des Wortes „erstanden“ zu haben, was man im Osten als „Bückware“ bezeichnete …

Also gut, zwei meiner Kisten dieser Bückware sind zum Teil in der Frankfurter Stadtbibliothek, bei unverbesserlichen Bücherwürmern unter meinen Freunden, aber auch im Müll gelandet. Diverse Geschenke meiner Ex- Lover im Feuer und tatsächlich auf dem Trödelmarkt, wobei nicht ich mich dort hinstelle, sondern ein junger Mann aus meinem Freundeskreis, der gerade Geld braucht.

Natürlich ist das erst der Anfang. Und auch wenn der schwer war, schwerer wird es werden, weiterzumachen mit dem Entscheiden, was Ballast ist und was nicht. Klar, für mein Physikbuch von 1964 wird sich wohl nie wieder jemand interessieren. Aber die erste Fibel meiner Tochter aus dem Jahre 1985, mit der Lektion über unseren Kampftag der Werktätigen, den 1. Mai – ist die nicht ein Zeitdokument? Das ich ja, falls ich doch noch zum Studium zugelassen werde, vielleicht noch mal gebrauchen könnte …

Aber weil Frauen nicht zielgerichtet, sondern gefächert denken, ersetze ich die Entscheidungen durch banale Bauaktivitäten in meiner Küche, denen die einst schwer erkämpften DDR-Einheitsfliesen zum Opfer fallen und die teuren Zeulenroda-Holzfrontmöbel, von denen ich aber wenigstens die Preisschilder archiviert habe. Gott, was haben wir uns damals leisten können: einen 50er-Unterschrank für 461, einen Spülenunterbau für 651 Mark! Das waren 1970, als ich bei Radio Berlin International als Redakteurin hätte arbeiten können, Monatsgehälter!

 Übrigens – auch die Reihen der guten Freunde soll man ja von Zeit zu Zeit „lüften“… Ein paar, genauer: drei, habe ich gerade raus an die frische Luft gehängt, weil ich sie um Hilfe bei einem mir wichtigen Nebenjob bat und sie so reagierten, als wolle ich sie für den BND aushorchen. Ausgerechnet die, die mich am längsten kennen! Dreißig andere wiederum, von denen ich es zum Teil nicht erwartet hätte, spendeten mir ihr vollstes Vertrauen. Trotzdem scheint der Verlust erst mal schwerer zu wiegen als der Gewinn. Soviel also zum Thema Frühjahrsputz. Frohe Ostertage wünscht

Eure Daggie Gelbke