Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 55 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Sängerin Angelika Mann   fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Angelika Mann

 

Die Lütte

 

Der „Saalbau Friedrichshain“ war ihre erste große Bühne, auf der die Einmeterneunundvierzig kleine Powersängerin und Schauspielerin stand. Die Großgaststätte der HO gegenüber dem Märchenbrunnen fasste 1400 Besucher. Wenn in den 60ern dort zum Jugendtanz gespielt wurde, war die Hölle los. Besonders dann, wenn das Lindenberg Sextett (später Baptett Berlin) die Hits der Beatles, Stones oder Kinks nachspielte, mit dem Sänger Achim Mentzel. Im Saal saß ein junges Mädchen, das davon träumte, auch einmal auf der Bühne zu stehen. Sie durfte – zuerst ans Klavier, später ans Mikro. Schließlich kannte sie Mentzel seit ihrer Schulzeit im Prenzlberg. Schon damals, mit 19, hatte sie eine Röhre wie Janis Joplin. Deren „Me and Bobby McGee“ gehörte fortan fast zum Pflichtprogramm. Genau 40 Jahre später steht die Lütte wieder gemeinsam mit Achim Mentzel auf der Bühne. Inzwischen ist aus der kessen Berliner Göre eine gestandene Sängerin und Schauspielerin geworden. Die beiden spielen im Kabarett Kneifzange ein Trude-Herr- Programm. „Niemals geht man so ganz“ heißt das Stück über den Kabarett-, Revue- und Schlagerstern der 60er Jahre („Ich will keine Schokolade“). Mann singt Herr und erinnert an die vollschlanke Diseuse von einst. An ihrer Seite Achim Mentzel als Bill Ramsey.   
Die 40 Jahre, die zwischen diesen beiden Auftritten liegen, waren für die Sängerin eine ziemlich turbulente und verrückte Zeit, beruflich wie privat. Aufgewachsen in einem musischen Elternhaus (ihr Vater machte Tanzmusik und spielte Geige in einem Kammerorchester), lernte sie Klavierspielen, probte in einer Theatergruppe und sang mit Inbrunst alles nach, was gerade aktuell war – von Conny Froboess bis zu Bärbel Wachholz. Doch zunächst ergriff Angelika Mann einen „ordentlichen Beruf“, lernte Apothekenfacharbeiter. Nebenbei tingelte sie als Pianistin durch Berliner Klubs und tourte als Sängerin mit verschiedenen Bands durch die Lande. Sie ließ die Apotheke Apotheke sein und setzte sich noch mal auf die Schulbank – in der Musikschule Friedrichshain, Spezialklasse Tanzmusik, erwarb sie ihren Berufsausweis als Sängerin mit der Einstufung „Sonderklasse".  Kein Wunder, dass der damals schon sehr bekannte Reinhard Lakomy die Lütte 1973 in sein Ensemble holte.

Er schrieb ihr Lieder auf den Leib wie „Mir doch egal“, „Na und“ oder „Kutte“. 1979 startete die Lütte, die inzwischen durch Funk, Fernsehen und Platte republ ikwei t bekannt war, ihre Solokarriere mit der Gruppe „Obelisk“. Mit Laky verband sie auch weiterhin eine enge Freundschaft, sie wirkte auf dessen Kinder-LP`s wie dem „Traumzauberbaum“ oder den „Geschichtenliedern“ mit. In dieser Zeit schrieben ihr Andreas Bicking, Keyboarder bei Obelisk, und Fred Gertz Songs wie das berühmte „Champus-Lied“. Nachdem die Sängerin 1976 das Papier gegen die Biermann-Ausbürgerung unterschrieben hatte, lief es mit der Karriere nicht mehr so gut. Viele Gründe führten letztlich dazu, dass die Sängerin einen Ausreiseantrag stellte und 1985 nach Westberlin übersiedelte. Ihre Vielseitigkeit – sie sang Schlager, Chansons, Jazz, Blues, Rock, spielte Kabarett – half, bald wieder beruflich Fuß zu fassen. Sie wurde am Theater des Westens als Chorsängerin engagiert, spielte die Lucy in der „Dreigroschenoper“.

So gab es für sie nach der Wende keinen Einbruch, wie ihn viele ihrer ehemaligen Kollegen erlebten. Sie gab eine herrliche Hexe in Kinderrevuen des Friedrichstadtpalastes, steht seit Jahren im Berliner Kriminaltheater auf der Bühne, tourt mit einer Tucholsky-Revue, gestaltet ein musikalisch-kabarettistisches Claire-Waldoff- Programm im Opernpalais oder das Trude-Herr-Programm in der „Kneifzange“.

Dass die Lütte in letzter Zeit in den Klatschspalten der Illustrierten eher mit Themen wie „Ich bin pleite“ oder Abmagerungsdiäten Schlagzeilen machte, gehört heutzutage möglicherweise zum Geschäft. Schade ist es trotzdem. Schließlich ist die 1,49-Frau mit dem Talent fürs Komische, ihrer Stimme, Musikalität und schauspielerischen Ader eine der vielseitigsten Berliner Künstlerinnen. Auch Tochter Ulrike (22) scheint das Talent von Mama Angelika und Papa Udo Weidemüller (Gitarrist) geerbt zu haben. Sie spielt Geige, Klavier und Gitarre und stand schon des öfteren gemeinsam mit ihrer berühmten Mutter auf der Bühne. Deren musikalischer Hilferuf „Ich wünsch mir ein Baby sehr“ aus den 70er Jahren hat sich damit wohl mehr als erfüllt.

Ingeborg Dittmann

Abb.: Ende der 60-er Jahre war die „Melodie“ am alten Friedrichstadtpalast Treffpunkt der Szene (o.). Die Lütte war schon damals mittenmang. Ob sie sich in den 70-er Jahren tatsächlich für Oldtimer interessierte, ist nicht überliefert (Mi.). Unsere Autorin traf Angelika Mann u.a. in „Neu Helgoland“ (re.). Fotos: Maja Lopatta, Nachtmann, Archiv