„Beene hoch und Hände hoch!“ – Wer kennt die Fußnote?

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke kommt vor lauter Fußnoten nicht zum Wesentlichen und wartet derweil auf den „zweiten Frühling“

Endlich, endlich hat man etwas gefunden bei dem sauberen Herrn zu Guttenberg! Das wäre doch nicht mit rechten Dingen zugegangen, wenn einer gar keinen Dreck am Stecken gehabt1 hätte als Politiker! Geklaut hatter also, der Gutte!2 Aber wovon soll eigentlich mit der Jagd auf den Freiherrn gerade abgelenkt werden? Dass die Sonneneruptionen zur Zeit gefährliche Ausmaße annehmen3 und die Regierungen der Welt eigentlich gegenüber ihren Bevölkerungen Aufklärungsarbeit in Sachen Katastrophenschutz „2012“4 leisten müssten? Oder davon, dass die Bundesrepublik im Zuge der Entwicklungen in den arabischen Ländern gerade um ihren gigantischen Waffenabsatz bangt?

Ich kann nämlich unseren, na sagen wir ruhig, Kriegsminister verstehen, weil ich auch gerade eine wissenschaftliche Hausarbeit zu schreiben habe – und ich hasse es! Dabei ist es ein Thema, das ich wirklich beherrsche: „Kabarett als Medium aktueller Gesellschaftskritik“ 5. Darüber kann ich „wie aus dem EffEff“6 schreiben. Bzw.: Könnte ich, wenn nicht diese blöden Quellenangaben wären. Seit Jahren benutzen wir Kabarettisten das geflügelte Wort, das angeblich von Kurt Tucholsky stammt: „Cabaret heißt: Beene hoch! Kabarett heißt: Hände hoch!“ Damit will ich meine Arbeit beginnen, um von Tucholskys historischer Unterscheidung auf die Kabarettentwicklung in Ost und West einzugehen, inklusive Hinweisen zur begrifflichen Verwirrung durch die boomende Comedyszene.

Ich fand diesen „Aufhänger“ genial. Bis zu dem Moment, da ich nach tagelangem Recherchieren aufgab, dieses Zitat zu suchen. Internet – dort zitiert, aber natürlich ohne Quellenangabe. Lexika, Kabarettliteratur – nichts! Mein Freund Wolfgang, der „Pander“, hat stundenlang seinen gesammelten Tucholsky durchforstet, und selbst das Kabarettarchiv in Mainz hat nicht zurück gemailt ob meiner verzweifelten Anfrage.

Vielleicht kann einer meiner gebildeten Leser helfen? Dann bitte schnell eine email senden an: yellow.dg@kabelmail.de.

Nun zurück zu der Hausarbeit. Soll ich dieses Zitat nun vielleicht einfach als mein eigenes verkaufen? Wäre natürlich auch eine Möglichkeit, da würde ich doch berühmt. Was mache ich aber mit dem Satz: „Mit der Gründung zweier deutscher Staaten, der DDR und der BRD, entstand 1949 eine politisch völlig neue Situation.“ Soll ich diese allseits bekannte Tatsache wirklich als Zitat kennzeichnen? Ich hatte ihn, ganz aus mir heraus, genau so hingeschrieben – und siehe, beim Lesen in „Die Zehnte Muse“ (Henschelverlag, 1982) fand ich ihn ganz genau so als Beginn eines Absatzes über „Kabarett in der DDR“.

Ja, und so behindert das Fußnotenbeschriften die eigentliche Arbeit am Thema. Sicherlich hat unser Herr von und zu auch so gedacht. Und er musste ja nun noch ganz andere Traktate lesen und begründen oder bestreiten. Was war das noch mal, Jura? „Da ist es nur allzu verständlich, dass man bei soviel gesammeltem Alt- Material schon mal die Übersicht verliert und nicht mehr weiß, woher der ganze Kram stammt. Bei der Sortierung dieses Datenmülls stellte der angehende Doktor wahrscheinlich fest: Das ist alles so ein Schrott; der könnte auch von mir sein. Ein eigentlich lobenswertes umweltbewusstes Recycling.“7

Wie krank muss das Studienwesen sein, das so etwas ermöglicht? „Hinter der Promotionsaffäre Guttenberg verbirgt sich meines Erachtens die viel größere Affäre der Korruption an den deutschen Universitäten; hier konkret der Doktorvater, der Zweitkorrektor und die ganze Prüfungskommission, die dem ‘Gutten’ auch im Mündlichen noch ein summa gegeben hat, wobei es nach allem, was man jetzt erlebt, hierbei doch nur um flachsten Smalltalk gegangen sein kann.“8

Was mich nun betrifft, der Frühling ist erst mal nicht in Sicht und der Garten ruft noch nicht nach mir, da kann ich mich ja weiter in Bibliotheken und ihren Quellen baden, wo doch das letzte Bad in marokkanischen Hamams so lange zurück liegt, als wäre es vor einem Jahr gewesen. „Der Urlaub dort endete übrigens noch mit dem Heiratsantrag eines 31-jährigen Sportlehrers“.9 Nun bin ich derart von Marokko begeistert, wer will es mir verdenken? In diesem Sinne – viel Spaß beim Warten auf den „zweiten Frühling“ 10

Eure Daggie11

1 www.wikipedia.org, Liste deutscher Redewendungen

2 © Gelbke, Dagmar, Bezeichnung „der Gutte“ als Wortspiel

3 vgl. www.freie-allgemeine.de/.../interview-dieter-broers-lsd-die-sonne-und-unser- bewusstsein

4 Sony Pictures, „2012“, Regie: Roland Emmerich, D 2010

5 www.wikipedia.org dort unter Creative Commons Attribution/Share Alike

6 Gelbke, Dagmar, Hausarbeit Fernuniversität Hagen, WS 2010/2011

7 Buchholz, Martin in „Buchholzens Wochenschauer“, Nr. 496 vom 18.02.2011, www.buchholz-martin.de, 2011

8 Dr. Leist, Wolfgang, email vom 22.02.2011

9 Tausendfach zitierbar bei anderen älteren Frauen…

10 de.wiktionary.org, dort von www.dwds.de

11 zitiert von Daggie Gelbke