Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 90

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Berliner Liedkabarett MTS fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

MTS

 

Liedkabarett im 39. Jahr

 

MTS – gelernte DDR-Bürger verbinden dieses Kürzel gewiss mit den einstigen „Maschinen-Traktoren- Stationen“. Doch Freunde des gepflegten Bänkelgesangs denken bei diesen drei Buchstaben wohl eher an „Zehn böse Autofahrer“, an ein „Pferd wie du und ich“, den „Letzten Kunden“ oder das mitreißende Liebeslied an die Sowjetfreundin „Tamara“ (Und mir qualmen noch die Socken von den vielen Kasatschocken.).

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Die Erklärung ist schlicht: Es waren die Anfangsbuchstaben der Namen der drei damaligen Bandmitglieder Bruno Melzer, Herbert Treichel und Thomas Schmitt, die sich 1973 zum Liedkabarett MTS zusammen taten. Die Puhdys hatten es ihnen vorgemacht, das mit dem Buchstabensalat. Doch MTS wäre nicht MTS, wenn die Boygroup nicht blumigere Übersetzungen parat hätte – etwa „Mut, Tatendrang, Schönheit“ oder „makaber, taktlos, aber sauber“. Wahrscheinlich auch nur so ein Trick, denn wenn man bei den Namenskürzeln geblieben wäre, hätte man den Bandnamen wohl öfter mal ändern müssen. Stießen doch im Laufe der Jahre weitere Ensemblemitglieder zu MTS – in den 70-ern Helmut Eggebrecht, Stefan Körbel und Fränki Engelhardt. Als die gingen, kam 1983 Frank Sültemeyer.   mts2.jpg
Und als Gründungsmitglied Herbert Treichel andere Wege ging (Thommy: Wir delegierten ihn auf die andere Seite des Währungs- und Wirtschaftssystems, damit er von dort die als Wende bekannten Ereignisse von 1989 vorbereiten konnte.), kam Drummer Mike Schafmeier als Sillys „letzter Kunde“ zum Blödelkollektiv. Mit Siegfried Girgner entstand wieder eine Viererbande. 1987 ging Frank, der kurz vorm Mauerfall seinem Freund Herbert ins NSW, also in den Westen folgte. Kurzum, erst 1993 fand man sich wieder als Quartett zusammen – in alter Besetzung mit Thomas, Herbert, Mike und Frank (letzterer verließ 1999 MTS wieder, kam aber im Oktober 2011 nach dem Tod von Herbert Treichel als Gitarrist und Keyboarder zurück).

Was zeigt uns dieses Kommen und Gehen? Bei MTS gabs nie Stillstand, ständig Bewegung, und das nicht nur personell, sondern auch musikalisch. Von Anfang an hielt Thomas Schmitt (Jahrgang 1951) als Texte schreibender, singender und moderierender Kopf der Band die Fäden in der Hand. Der Sohn des Karikaturisten Erich Schmitt war seit Mitte der 70-er Jahre auch als Moderator und Schnellzeichner im Kinderfernsehen bekannt geworden, etwa mit der Sendung „1- 2-3 Allerlei“, später durch „eene meene mopel“ oder den ORB-Club. Auch mit MTS entwickelte er ein spezielles Programm für Kinder („Von Hexen, Drachen und anderen Hamstern“). Das Publikum hat MTS jedenfalls stets die Treue gehalten – wie umgekehrt auch, was u. a. ein Blick auf den aktuellen Tourplan zeigt. Da dürfte so manche Band neidisch werden.
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Abb.: MTS waren auch früher stets für
einen Spaß zu haben (oben); beim
Konzert in der Kiste im Februar (Mi.);
seit Jahren begleiten die Gruppe
Thommis Karikaturen.
Fotos: Archiv, Nachtmann, Karikatur: Schmit

In Marzahn-Hellersdorf ist das Liedkabarett immer wieder gern gesehen. Neben einem Konzert im Freizeitforum Marzahn spielt MTS seit 1994 (!) jährlich auch einmal in der „Kiste“ an der Heidenauer Straße auf. Am 18. Februar konnten wir uns dort davon überzeugen, dass das Trio optimistisch seinem 40. Bandjubiläum im kommenden Jahr entgegen sehen kann, mit „runderneuertem Programm“, in dem die Klassiker und zahlreiche Limericks natürlich nicht fehlen. Doch aus den „Zehn bösen Autofahrern“ und den „10 Ministern“ wurden aus aktuellen Pisastudiengründen nun „10 böse Schüler“. Auch dem Schlagergesang huldigt man, dem Trend der Medien folgend, mit „Oh Mama“. Nach wie vor machen sich die Jungs mit hintersinnigem Humor und Spaß auch über das Liebesleben der alten Ritter ernsthafte Gedanken, über Politik oder Volksgesundheit („Der schönste Platz ist an der Apotheke“). Selbst der Deutschen Bahn widmen sie ein vielstrophiges „Thank You For Travelling“.

Eine Alternative zum Live-Erlebnis bieten etliche Tonträger als Konzert-Live-Mitschnitte, etwa die erste MTS-LP „Mut, Tatendrang, Schönheit“ (live im Kasseturm Weimar von 1975), die 86- er LP „Erste Komische Interessengemeinschaft“ (MTS und Possenspiel aus der Leipziger Moritzbastei, erschien 2011 auch als CD), die CD „Radio M.T.S.“ von 1998 oder das „Liederhörbuch“ von 2006 (17 Lieder aus drei Jahrzehnten, live aus Pirna).

Ingeborg Dittmann