gelbke1.jpg Die Speiche des Heiligen Paulus
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke  suchte auf Malta Ruhe zum Studieren, doch von Einsamkeit keine Spur

Daggie als „Grand-Nanny“ auf Malta – nein, das wird nicht sein. Abgesehen davon, dass das sehr verlockende Jobangebot, über das ich im vergangenen Monat schrieb, wohl nur dazu dienen sollte, Adressen und Telefonnummern von Bewerbern zu sammeln, wird auf dieser interessanten Insel ein ganz schlechtes Englisch gesprochen, was mich nicht zur Perfektion bringen würde, um die es mir ja bei meinem „Auslandssemester“ ginge. Aber es tun sich ja schon neue Horizonte auf – das ist eben das Schöne und Wichtige am Reisen.

Ich war dem grausten Winter seit 60 Jahren entflohen, um mich in Ruhe auf meine mündliche Prüfung in Sachen „Das Christentum – die beste Geschäftsidee aller Zeiten“ am 19. März an der Fern- Uni Hagen vorzubereiten. Und das war eine gute Idee. Nicht nur, dass es hier von mittelalterlichen Zeugen des Christentums nur so wimmelt. So habe ich zum Beispiel die ersten Reliquien meines Lebens gesehen: Ein Stück der Säule, auf der der Heilige Paulus geköpft wurde und eine Speiche seines Arms, in Silber gefasst und mit Edelsteinen verziert. Ich hatte auch das kleinste Zimmer im Hotel, ein richtiges Studierstübchen, andere wären sofort wieder ausgezogen, aber ich habe immer den super günstigen Reisepreis vor Augen gehabt und übte mich in Demut. Hier konnte mich außer Fernseher und Meeresrauschen nichts ablenken.

Und wenn mir die Augen brannten vom Lesen, habe ich abenteuerliche, einsame Spaziergänge gemacht über Stock und Stein, entlang atemberaubender Klippen. Oft endeten diese Wege – wie schon auf Sizilien im vergangenen Jahr – abrupt und ich musste, gejagt von wilden Hunden (die nicht ungefährlich sind, wie mir Tischnachbarn erklärten!), durch die Kohlrabifelder flüchten. Was sagt dazu meine Studienliteratur? „Gottes Wege sind unergründlich!“ Das war immer so in meinem Leben: Ich entscheide mich für einen Weg und lande im Nirwana. Was ja eigentlich die Vollendung sein soll, aber bei mir übersetzt sich der Begriff immer noch mit „Nirgendwo“, und ich muss flexibel reagieren – was eine meiner Stärken geworden ist.

Aber natürlich habe ich hier kein Schweigegelübde zelebriert. Erstens sind die Maltesen ein freundliches, kommunikatives Volk – ja, nach so vielen Herrschaftswechseln: Phönizier, Römer, Araber, Johanniter, Franzosen, Engländer – da muss man einfach gelassen jedem Fremden gegenüber werden. Anfang März wird hier gewählt. Was habe ich mir von Reiseleitern, Bus- und Taxifahrern oder dem Fischer an der Blauen Grotte anhören müssen, dass die Arbeiterpartei die einzige Chance für das einwohnermäßig kleinste EU-Land sei. Die hätte Konzepte für einen Abbau der steigenden Arbeitslosigkeit. Welch leidenschaftliche Naivität, aber auch volkstümliche Rationalität. Als sich Malta als Euro-Partner genötigt sah, Griechenland zu unterstützen, hieß es hier ganz offiziell: Sollen die doch eine ihrer Inseln verkaufen.

NEUE LEUTE, ALTE TRÄUME

Und wie sagte Oma früher? Zum Reden findet man immer jemanden, wenn man allein reist. Man darf nur nicht, wie die alleinreisenden Männer hier, mit Laptop oder Buch und Rotweinglas Mauern um sich bauen. Und das Universum, also Gott, schickt immer die richtigen Leute vorbei. Schrieb ich schon jemals, dass ich zwei Träume im Leben habe? Vom Doktortitel und der Perfektion meiner Englischkenntnisse abgesehen sind das erstens: Einmal am Set eines großen amerikanischen Regisseurs, Tarantino vielleicht, ach nein, besser einer, der Phantasie oder Science Fiction macht, die Entstehung eines Films erleben. Und zweitens möchte ich Brunnen bauen. Den Menschen sauberes Wasser bringen. Und wen lerne ich hier kennen? Den „68-er“ Jürgen, der mit Simone, einer Ex-Wismarerin, hier war, und der in Afrika, Asien und Lateinamerika im Auftrag einer schweizerischen Firma Wasser- und Abwasseranlagen gemanagt hat. Gut, er hat mir den Zahn ziehen wollen – Korruption und Tradition machen Idealisten wie mich ganz schnell zum Sisyphos, aber es war trotzdem toll, mit den beiden Zeit zu verbringen.

Jürgen wusste von meinem Prüfungsthema, aber auch von meinem Beruf als Kabarettistin und ist mit mir zu einer „Reliquie“ in der Kirche von Mosta gepilgert, der drittgrößten Kuppelkirche Europas, zur Heiligen Bombe, wie er es formulierte. Ja, dort hat eine deutsche Bombe im Zweiten Weltkrieg zwar das Kuppeldach durchschlagen, ist aber nicht explodiert – ein Wunder also, was zur Verehrung führte.

Dann ist mir auf der Fahrt nach Gozo Anna aus der Ukraine begegnet, die mir – wie übrigens Simone auch – ihre Eheprobleme beichtete. Über Anna habe ich Edeltraut, eine auf dem Selbstfindungstrip reisende, geschiedene Ex-Berlinerin kennengelernt, eine ehemalige Krankenschwester im Pflegedienst. Nun ist sie Yogalehrerin, hat den Jacobsweg in vier Wochen geschafft und ist mit mir kilometerweit durch Kakteenfelder und Olivenhaine zu einer Marienkapelle auf den Klippen über Melliha gewandert. Und auf einer Schiffstour im Hafen von Valetta sind mir meine neuen potentiellen Hobbits (Untermieter) begegnet: Teresa und Phil aus Südengland. In Edeltrauts Hotel haben wir dann alle zur Freude des überwiegend englischen Publikums wilde Tanzpartys veranstaltet. Was meiner Schulter irgendwie ganz gut tat. Nun soll ich unbedingt nach England kommen, und ich sage Euch: Ja, das mache ich!

Aber ich merke schon, der Text wird zu lang. Jetzt komme ich erst einmal zurück in unser schönes, graues Berlin und versuche neben den anstehenden Frauentagsfeten meine Prüfung zu absolvieren. Hoffentlich trifft mich nicht die Strafe Gottes dabei: Vor den Heiligen Reliquien des Paulus habe ich es leider nicht vermeiden können zu sagen: Alles Betrug.

In diesem Sinne: Das Universum sei mit Euch!

Eure Daggie