Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 100

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Schauspielerin und Sängerin Gisela May fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Gisela May

 

Schauspielerin und Diseuse von Weltruhm


Sie ist weltweit die Brecht-Interpretin schlechthin, gab Konzerte an der Mailänder Scala, in der Carnegie-Hall in New York, im Opernhaus Sydney oder im Tivoli in Kopenhagen. Sie ist eine große Schauspielerin und Komödiantin (eine „singende Schauspielerin seit jenem Tag vor Jahrzehnten, da Hanns Eisler sie nach einer Brecht-Matinee ermutigte, mit dem Singen weiter zu machen). Und sie ist eine im In- und Ausland außerordentlich gefragte Dozentin und Pädagogin. Über 30 Jahre gehörte „die May“ dem Berliner Ensemble an, hatte große Filmrollen in Kino- und Fernsehfilmen, am Musical-Theater. Und doch: Fragt man vor allem junge Leute nach ihr, kommt häufig nur ein Schulterzucken. Außer, man erinnert an einen ganz bestimmten Satz, mit dem sich die May, Filmmutter der Titelheldin Evelyn Hamann, in jeder Folge der TV-Krimi-Persiflage „Adelheid und ihre Mörder“ mehrmals beschwert: „Sag nicht immer Muddi zu mir!“ Das ist Kult, das kennt auch der, der, wenn er May hört, an den gleich klingenden Monat denkt, bestenfalls noch an Reinhard Mey. Es wechseln die Zeiten. Die so genannten „Promis“ der heutigen Generation werden durch die Medien gemacht.

Zu Zeiten der am 31. Mai 1924 in Wetzlar geborenen Tochter des Schriftstellers Ferdinand May und der Schauspielerin Käthe May war das ganz anders. Gisela wuchs in einem künstlerischen und politisch wachem Elternhaus in Leipzig auf und erhielt schon als Kind eine umfassende musische Bildung. Sie singt im Chor, erhält Klavierunterricht, liest viel und besucht das Theater. Ihre schauspielerische Begabung fällt schon in der Schule auf. Zwischen 1940 und 42 besucht sie die Theaterschule in Leipzig, hat in ihren „Lehr- und Wanderjahren“ Engagements in Dresden, Danzig, Görlitz, Leipzig, Schwerin und Halle. 1951 wird sie von Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater in Berlin geholt. Dort spielt sie die unterschiedlichsten Rollen, was einen Kritiker zu dem Satz inspirierte, die spezifische Einmaligkeit der May sei ihre Vielseitigkeit.

In dieser Zeit erhält die junge Theaterschauspielerin auch ihre ersten Rollen beim Film und in Fernsehproduktionen. Als ihr Durchbruch mag die Titelrolle in Helmut Sakowskis Fernsehspiel „Die Entscheidung der Lene Mattke“ (1958) gelten.

Ende der 50-er Jahre beginnt für die May auch ihre internationale Karriere als Chansonsängerin (Tucholsky, Kästner, Hollaender, Brel) und Interpretin von Brecht- Weill Songs. Der italienische Theatermann Paolo Grassi holt sie nach Mailand.

1962 wechselt Gisela May vom DT ans Berliner Ensemle, ihre künstlerische Heimstatt für die kommenden 30 Jahre. Dort spielt sie alle großen Rollen – von der Madame Cabet in den „Tagen der Commune“ über die Wirtin Kopecka in „Schwejk im zweiten Weltkrieg“ bis zur Frau Peachum in der „Dreigroschenoper“ und – ab 1978 – natürlich die „Mutter Courage“. Mehr als 250 Mal soll sie in dieser Rolle auf der Bühne gestanden haben. Bis sie plötzlich 1992 von der „Fünferbande“, der neuen Intendanz des BE, nach der politischen Wende in Rente geschickt wird. Zum 100. Geburtstag von Kurt Weill im Jahr 2000 steht sie wieder auf der Bühne des BE, genau so wie am Tag ihres 80. Geburtstages.

Für die Vielseitigkeit der May mag auch stehen, dass sie in den 80-er Jahren eine eigene Unterhaltungsshow im Fernsehen moderiert – die „Pfundgrube“. Im Metropoltheater spielt sie die Hauptrolle in dem Musical „Hello Dolly“, und vielen ist Gisela May sicherlich noch als eine der „Drei reizenden Schwestern“ im gleichnamigen TVSchwank von Götz Jäger (1984) in Erinnerung. „Ich bin gern komisch, verwandle mich gern“, sagt sie. Für ihre Rolle in „Die Hallo Sisters“ wird sie 1992 mit dem Bundesfilmpreis in Gold geehrt. Davor gab es dutzende andere für die mehrfache Nationalpreisträgerin der DDR, etwa den „Grand Prix du Disque“ in Frankreich, den Deutschen Kleinkunstpreis oder den Verdienstorden des Landes Berlin. Auch mit knapp 89 steht die Berlinerin, die unweit ihrer einstigen beruflichen Heimstatt am Ufer der Spree lebt, noch auf der Bühne. So auch im Januar zu den Kurt-Weill-Tagen in der Komischen Oper Unter den Linden. Oder sie ist zu Lesungen unterwegs mit ihrem Buch „Es wechseln die Zeiten“ (2002, Militzke Verlag Leipzig).

In jungen Jahren war Gisela May mit dem Journalisten Georg Honigmann verheiratet, 1965 lernte sie den Philosophen Wolfgang Harich kennen und lebte bis 1974 mit ihm zusammen.

Ingeborg Dittmann

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Abb. v.o.n.u.: Gisela May mit Hanns Eisler 1961, mit einer Kapelle um 1967, bei den Proben als Mutter Courage mit Manfred Wekwerth, mit Filmpartnerin Evelyn Hamann, mit Ute Lemper (re.) und Dagmar Manzel 2009 zur Kurt- Weill-Woche der Komischen Oper. 

Fotos: Archiv