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gelbke1.jpg Weiberfastnacht mit Miesmuscheln
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke ist reisesüchtig, entspannt an der Costa Brava und studiert fleißig bis zum Renteneintritt

Ich sitze gerade am Mittelmeer und wundere mich, wo eigentlich Klitschko abgeblieben ist seit Janukowitschs Flucht. Ist er jetzt Bodyguard des Ex-Ministerpräsidenten der Ukraine? Oder weiter gezogen, um auf der Krim gegen die EU-Gegner zu kämpfen? Irgendwie komisch, dass man seit dem Regierungswechsel dort nichts mehr von ihm hört. Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben. Ich wollte schreiben, dass Süchte etwas Schlimmes sind.

Meine Freundin Marianne – die, die auf Formentera lebt – ist jetzt 30 Tage rauchfrei, erleidet aber Höllenqualen. Da tröstet sie auch die Tatsache nicht, dass ihr Dauerhusten schon verschwunden ist. Wir alle bezweifeln, dass sie durchhält. Ihr macht das Rauchen einfach zu viel Spaß. Wie mir das Reisen. Ja, ich muss reisesüchtig sein, denn ich habe meinen Vorsatz, in diesem Jahr nicht wegzufahren, schon nach eineinhalb Monaten gebrochen. Und habe 1000 Ausreden dafür gefunden, typisch für Suchtkranke. Nun gut, eigentlich war es nur eine Ausrede: Zu Hause komme ich einfach nicht zum Lernen! Und am 7. März schreibe ich eine Klausur über die Schrift- und Bildkultur in Spätantike, Mittelalter und Neuzeit, die ich einfach gut bestehen will. Denn wie lautet das Studienziel? Bachelor- Diplom mit Rentenbeginn im Dezember 2015. Das ist nicht mehr lange hin!
Aber zu Hause in Berlin klingelt ständig das Telefon, will der Kater was zu fressen haben, muss eingekauft und Wäsche gewaschen werden. Ab und zu werden auch noch meine selbst gebackenen Haferkekse vom Kind angefordert; es müssen Steuerunterlagen gesucht, beschafft und erbracht werden, man will mit dem Kind ins Kino, will Premieren der Oderhähne besuchen, muss für seinen „Spätverlobten“ Uwe Spinat mit Ei und Buletten zubereiten. Facebook will auch gepflegt sein, und eigentlich ruft schon der Garten: Wenigstens das Laub vom vergangenen Jahr könntest du langsam wegharken. Wobei ich zu letzterem sage, dass das noch zu früh ist, denn es kommt noch mal Schnee, versprochen!

Also habe ich mir kurz entschlossen sehr preiswert ein Fly&Drive- Ticket gebucht und sitze nun an der Costa Brava, südlich von Alicante in Torrevieja auf der Terrasse eines sehr preiswert gemieteten, typischen Ferienreihenhauses und schaue auf die exotischen Palmen des kleinen Parks im Zentrum der Anlage. Und siehe da – ich kann mich wirklich konzentrieren und organisieren hier, ohne auf Spaß und Kommunikation verzichten zu müssen. Und mein Blutdruck ist hier auch endlich mal wieder okay.

Obendrein habe ich noch ein Versprechen eingelöst, denn meine beiden Vermieterinnen Helena und Gertrud hatte ich auf meiner Toskana-Reise im vergangenen Jahr kennen gelernt: Zwei handfeste Berlinerinnen – wirklich mit Herz und Schnauze – die schon dachten: Na, die olle Saftnelke meldet sich och nich mehr, obwohl sie versprochen hatte, mal zu kommen. Nun kam ich also, sogar als Geburtstagsüberraschung für Helena, angeflogen.

So mittendrin im spanischen Leben, das ist schon was anderes als All Inclusive in touristischen Hotelanlagen. Die Riesenkohlrabis vom Markt und die delikaten Lammkoteletts, die Helena und Gertrud servierten, kann man hier zu Spottpreisen kaufen. Ein Gedicht auch die gigantischen Miesmuscheln, die ich aber (wegen einer schlechten Erfahrung Helenas) alleine putzen, kochen und aufessen musste.

Und man muss auch mal miterlebt haben, wie die berüchtigten deutschen Rentner im Süden überwintern, damit man sich überlegen kann, ob man das vielleicht auch mal will – später.

Jedenfalls habe ich hier die allererste Weiberfastnacht meines Lebens durchgezogen, obwohl ich doch Karneval nie leiden konnte. Ein deutscher Kneiper am langen Sandstrand von La Mata hatte annonciert und sieben Weiber kamen, inklusive uns Dreien. Es gab Pfannkuchen und Mett-Brötchen, Bier, Wein und Sekt zu DM-Preisen und auf dem Großbildschirm lief die Weiberfastnacht des ZDF, die allerdings anders klang, als ich sie aus meiner Kindheit erinnere. Irgendwie rockiger, heutiger, mit vielen jungen Leuten aus Köln und Mainz im Publikum, die die neuen, fast nachdenklichen Lieder fröhlich mitsangen.

Wir sind dann noch zu Gunda, einer eleganten, lebensfrohen Dame aus Lübeck weiter gezogen, die in einer Wohnung mit dem wahrscheinlich exklusivsten Ausblick in diesem Küstenabschnitt wohnt. In einem Hochhaus, das langsam von unseren russischen Freunden aufgekauft wird, schaut sie als eine der letzten Deutschen über den Moloch des zersiedelten Küstenstreifens hinaus aufs seit Jahrtausenden unschuldige Meer und sagt, dass früher auch hier alles besser war. Ich weiß nicht, wieso ich plötzlich an Hemingway denken muss. Und ich glaube, Heimweh ist auch eine Sucht, denn, Leute, ich habe beschlossen: Ich bleibe in Berlin!

In diesem Sinne bis gleich, Ihr Lieben! Eure Daggie

Mehr Informationen zum Ferienobjekt www.ferien-torrevieja.de.tl