Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 112

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der erfolgreichen DDR-Rockband "Die Puhdys" fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Die Puhdys

 

Skandalfrei, beständig, solide


Sie sind die dienstältesten Rocker der Republik, wenn auch nicht die ersten (da gab es vor ihnen schon andere wie die Stern Combo Meißen, die Klaus Renft Combo, Team 4 oder die Sputniks). Doch ohne Zweifel ist die Kultband des Ostens die beständigste und, zumindest im Osten des Landes, die erfolgreichste - gemessen an der Zahl ihrer rund 4000 Konzerte, der Platten (22 Millionen verkaufte Tonträger) und ihrer großen Popularität. Und obwohl in den viereinhalb Puhdys-Jahrzehnten nichts von Skandalen um die Band bekannt ist, hat wohl fast jeder hierzulande zumindest ihren Namen schon einmal gehört. Was aber die Puhdys-Fans angeht, so ist das eine ganz besondere Spezies, die am treffendsten wohl mit dem Attribut Treue charakterisiert werden könnte. Die ganz harten Fans versäumen kein Konzert ihrer Band – und das seit Jahrzehnten - und sie haben alle ihre Platten im Regal. Die anderen verfolgen zumindest ihren Werdegang. Und der geht 2014 bereits ins 45. Jahr!  

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Wer Live-Konzerte der Band besucht, kennt auch dieses Phänomen: Da versammeln sich drei Generationen – von Oma und Opa bis zum Enkel – und alle kennen die Texte und singen mit. Und das, obwohl doch jede Generation ihren eigenen, oft recht konträren Musikgeschmack hat! Nach langem Überlegen fallen mir da nur die Beatles ein, von denen man ähnlich Generationsübergreifendes sagen könnte – doch die hatten Welthits, was man von den Puhdys- Songs kaum behaupten kann. Zwölf Mal seit 1972 wählten die Leser des in der DDR beliebten Jugendmagazins „neues leben“ die Rocker zur Gruppe des Jahres. Offenbar ist ein wesentlicher Grund für den Erfolg der Band tatsächlich in ihrer Beständigkeit zu suchen. So sind die fünf Musiker trotz gelegentlicher Kompromisse an den Zeitgeschmack ihrem Musikstil stets treu geblieben und auch in der personellen Zusammensetzung gab es kaum Veränderungen. Neben den drei „Urbesetzungen“ Dieter „Maschine“ Birr (Gesang, Gitarre), Dieter „Quaster“ Hertrampf (Gitarre, Gesang) und Peter „eingehängt“ Meyer (Keyboards, Saxophon) sind Drummer Klaus Scharfschwerdt (er kam 1979 für Gunther Wosylus) und Bassgitarrist Peter „Bimbo“ Rasym (kam 1997 für den Lockenkopf Harry Jeske) nach 35 und 17 Jahren nun auch fast „Stammbesetzung“.  puhdys2.jpg
Abb.: Die Puhdys hatten 1973 ihre erste LP und 1983 die damals typischen Frisuren. Aktuelle Bilder waren regelmäßig auch in jot w.d. zu sehen, zuletzt in Ausgabe
1/2014.
Fotos: Archiv

Ihr erstes Konzert hatten die Puhdys vor 45 Jahren – am 19. November 1969 – im Freiberger „Tivoli“ vor 80 Besuchern. Bei ihrem Konzert 1989 auf dem Berliner Bebel-Platz waren es 80 000. Gerade hatte die Band ihren Abschied bekannt gegeben. Nach einer Zeit der Besinnung in den Wirren der Wende fanden sie nach kurzer Zeit wieder zusammen. Und feierten weiter Erfolge in Ost und West, zuweilen auch gemeinsam mit ihren Söhnen und Enkeln auf der Bühne.
Nach Freiberg kehren sie übrigens bis heute jedes Jahr im November zurück, dorthin, wo alles begann. 15 Lieder hatten sie damals im Repertoire, von Deep Purple, Led Zeppelin, Uriah Heep, kein eigenes darunter. Ihr erster eigener Titel hieß „Türen öffnen sich zur Stadt“ (1971). Songs mit deutschen Texten - damit öffneten sich auch bald die Türen der Rundfunk- und Fernsehstudios für die Rocker. Der eigentliche Durchbruch kam 1973 mit dem DEFA-Film „Paul und Paula“, in dem sie mit „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“ zu hören waren. Dass die Songs nicht von ihnen selbst stammten (Komposition Peter Gotthardt, Text Ulrich Plenzdorf), wissen viele gar nicht. Doch diese zwei „Klassiker“ fehlen in keinem ihrer Konzerte. Ähnlich wie „Alt wie ein Baum“, die „Rockerrente“ und natürlich die „Eisbären“-Hymne. Letztere gehört zu ihren größten Erfolgen. Selbst bei ihren seit 2001 alljährlich zelebrierten Weihnachtstouren verlangt das Publikum danach. Bereits drei Alben erschienen anlässlich dieser Events – „Dezembertage“ (2001), „Dezembernächte“ (2006) und jüngst „Heilige Nächte“ (2013). Dass sich Maschine, Frontmann, kreativer Kopf, Komponist und Texter der Puhdys, bei dieser Produktion eher zurück hielt, hat seinen Grund. Hatte er sich doch bei der kurz zuvor erschienenen Top-20-Scheibe „Es war schön“ mächtig ins Zeug gelegt. Und arbeitete bereits an einem neuen Werk – seinem zweiten Solo-Album, das anlässlich seines 70. Geburtstages in diesem Monat erscheint.
Was die Puhdys 1984 mit ihrem Hit „Es ist keine Ente, wir spielen bis zur Rockerrente“ versprachen, haben sie mehr als eingehalten. Seit diesem Februar ist keiner der fünf mehr unter 60, Maschine wird am 18. März 70, Quaster am 29. November und Peter ist seit dem 5. Januar 74. In diesen Tagen hieß es nun von der Band: Keine Ente, wir geh’n in Rente! Doch die Fans können beruhigt sein und noch eine ganze Weile ihr „Hey, wir wolln die Puhdys sehn“ anstimmen. Am 31. Oktober 2014 feiert die Band in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof ihren 45. Geburtstag – der offizielle Auftakt zur großen Abschiedstournee, die bis Ende 2015 reicht. Und dann heißt es wirklich: „Es war schön, einfach schön, endgültig vorbei, aber schön. Winde dreh’n, Menschen geh’n, was war, kann uns keiner mehr nehm’.“

Ingeborg Dittmann