gelbke1.jpg Nie mehr an sich zweifeln
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke avanciert nach der „ollen Zicke“ zur Mutter Oberin – und das trotz Dauererkältung

Ich bin gerade über der sechsten schweren Erkältung in sechs Monaten. Da kann doch nun wirklich was nicht stimmen in meinem Körper! Aber alle Blutwerte top – und selbst das gestresste Herz hat sich seit drei Jahren nicht verändert und ist so stark, dass nichts unternommen werden muss. Mir geht es aber so schlecht, dass ich sogar meinen Urlaub auf Zypern abgesagt habe und die arme Elli allein losdüsen muss. Zwar hätte mir die Luftveränderung, auf die meine Eltern in den 1950er Jahren noch schworen, vielleicht geholfen – aber eben nur vielleicht. Wäre ja doch wieder Stress gewesen: Von einer Ruine zur anderen zu jagen…

Geholt habe ich mir diesen Infekt sicherlich bei Herbert Köfer. Er hat uns alle gewarnt, ihn zu umarmen – aber wenn jemand an seinem 94. Geburtstag eine so berührende Vorstellung von „Rentner haben niemals Zeit“ liefert, muss man ihn einfach knuddeln, egal wie erkältet er ist. Meine Premiere von „Heiße Zeiten“ in Datteln bei Castrop- Rauxel war übrigens einfach wunderschön, mein Kind – inzwischen frisch getrennt von ihrem eigentlich netten, aber doch wohl zu jungen Freund – saß etwas verstört zwischen den fröhlichen, kostümierten Weiberfastnachts- Weibern, die uns zujubelten. Sie fand: So mag sie ihre Mutter nicht wirklich – so streng wie die Rolle es nun mal verlangt. Aber meine Kollegin Margit Meller war hellauf begeistert von mir als oller Zicke und überraschte mich mit hochroten Bäckchen der Emotionen auf ihrem Gesicht. Mit ihr bin ich dann auch im azurblauen Suzuki zurück nach Frankfurt (Oder) geflogen – 600 Kilometer in fünfeinhalb Stunden mit Pause, das ist doch super für ein 14 Jahre altes Fahrzeug!

Bernd Julius Arends, der Theaterleiter in Datteln, ist wirklich ein hinreißender Mensch. Schon drei Tage nach der Premiere rief er mich an und sagte: „Ich kann ohne Deine Stimme nicht mehr leben! Das Haus ist wie tot ohne Deine Gesangsübungen nachts halb drei. Willst Du nicht die Rolle der schwerhörigen Mutter Oberin in „Nonnstop“ übernehmen?“ Ja – habe ich ohne Überlegung gesagt. Es ist eine Nonnen-Revue, die Bernd Julius geschrieben hat, ein Heidenspaß, und ich werde lediglich für drei Vorstellungen einspringen. Das klingt nach viel Stress, und ich habe auch schon wieder Angst, es nicht zu schaffen. Aber eigentlich habe ich mir geschworen, nie mehr an mir zu zweifeln, nachdem ich den Videomitschnitt von „Heiße Zeiten“ gesehen hatte. Und das machen die jungen Kolleginnen inzwischen alle so: Sie springen ein, wo eine Lücke entsteht, und das liest sich dann gut im Lebenslauf, oder wie es neudeutsch heißt: in der Vita.

Gut, meine rentenpflichtige Vita ist bald abgelaufen, aber wer diese Kolumne regelmäßig liest, weiß, dass ich nie aufhören werde zu lernen und immer versuchen werde, an meinen Aufgaben zu wachsen.

In Frankfurt (Oder) war man ‘not amused‘, weil ich nun so oft so weit weg bin – tja, so was kommt von so was: Hätte der (ich unke mal) zukünftige Theaterleiter Lothar Bölck mich nicht so grundsätzlich aus dem diesjährigen Sommertheater heraus geschrieben, hätte ich Datteln gar nicht annehmen können. Zwar wird, zumindest am Theater, im Westen noch schlechter gezahlt als im Osten, aber Geld ist bekanntlich nicht alles: Ich werde gefordert und nicht als selbstverständliches Mobiliar behandelt, das man nach Belieben nutzen oder auch verstauben lassen kann.

Ansonsten gibt es noch wahre Liebe auf der Welt: In meinen Kellergemächern logiert seit Anfang Februar ein junger Mann (38) aus Hongkong, der um die halbe Welt gereist ist, um seine Freundin zu finden, die vor zweieinhalb Jahren herkam und sich vor sechs Monaten per sms von ihm getrennt hat. Er spricht keine andere Sprache außer Kanton, wir kommunizieren über ein PC-gesteuertes Übersetzungsprogramm, die Freundin lässt sich an ihrer Arbeitsstelle in einem Chinarestaurant verleugnen – und er will nicht glauben, dass sie mit ihm abgeschlossen hat. Ja, das ist großes Kino im Hause Gelbke, das aber hoffentlich nicht noch tragisch endet.

In diesem Sinne wünsche ich allen jot w. d. - Lesern einen schönen Frühlingsanfang!

Eure mal wieder sprachlose Daggie

Bin mal wieder in Eurer Nähe auf der Bühne: 22. März, 18 Uhr, Bräustübl, Friedrichshagen: „Big Helga Hahnemann – een kleenet Menschenkind“, 27. März, 19 Uhr, Tschechow-Theater, Marzahn: „Dagmar Gelbke – mal wieder solo