gelbke1.jpg Statt in Lethargie in den Spagat fallen
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke steht auf der Bühne,
studiert unermüdlich, ist „Hotelchefin“ – doch eigentlich Rentnerin

Pantha Rhei. Alles fließt. Was bedeutet das eigentlich heutzutage? Alles verändert sich? Oder alles löst sich auf? Oder sind es ab irgendeinem Punkt im Leben nur zwei Seiten einer Medaille: Veränderung und Auflösung?

Bei mir, ich habe es schon mehrmals beschrieben, ist alles beim Alten und alles ist schön. Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich schreibe als 65-jährige Fernstudentin eine Arbeit über „Vorurteilsinszenierung im Kabarett“, habe mich dafür krankschreiben lassen, damit ich den Abgabetermin halten kann – Paula hat sich scheckig gelacht: „Meine Mutter und die Studententricks!“ Sie nervt es sowieso, dass ich als Rentnerin noch weniger Zeit habe als früher.

Ich stehe auf der Bühne und falle trotz ungeklärter Muskelschmerzen in den Spagat – wieso neige ich dazu „das Spagat“ zu sagen? Ich vermiete Zimmer – und bin manchmal überbucht, so dass ich bei Rossi, einer Nachbarin und ehemaligen Kollegin aus Bulgarien, schlafen muss. Ich habe Reisepläne, für die ich jetzt schon, wie Oma früher, monatelang vorher die Koffer packe. Der Rückflug von Teneriffa im Oktober ist auch schon gebucht, und ich denke ernsthaft darüber nach, mein altes Auto mit auf die Insel zu nehmen: 3000 Kilometer bis Cadiz und dann zwei Tage mit der Fähre. Ist doch ein Abenteuer, mit dem der Suzuki in seinem hohen Alter bestimmt nicht gerechnet hat!

Ich gehe endlich auch zu Ärzten und lasse mich durchchecken, treffe meine Tochter für Kinobesuche und pflege meine vielen Freundschaften, so gut ich kann. Sogar bei Bert Beels Faschingsparty war ich mit Freundin Rita – als viktorianisches Dienstmädchen ganz in unschuldigem Weiß verkleidet. Ich fand, das passt, jetzt, wo ich ein „Hotel“ führe. Ich denke sogar über neue Werbemittel nach: Mein Freund Manfred Fligge – diesmal nicht unsere Chefredakteure Inge und Ralf, die tragen im Moment andere Lasten auf ihren Schultern – hat schon super ehrliche Fotos von mir geschossen. Was bedeutet, dass wir nicht viel retuschiert haben. Mein Freund Joey soll ein so genanntes Show Real – ein Werbevideo – drehen, damit ich endlich rangehe an meine Hollywood- Karriere.

Trotzdem fühle ich mich, als löse sich um mich herum alles auf. Ist es, weil gerade zu viele Menschen sterben, die in etwa mein Alter haben? Ekki Göpelt, unser aller Ekki nun auch schon, mit dem ich in Leipzig im Orchester meines Vaters gesungen habe: 1969, da war er noch Lehrer und träumte von der großen Schlagerkarriere – und ich schon von Hollywood. Was liegt in der Luft? Nur der eiskalte Frühling?

Neulich habe ich einen Untermieter aus der Schweiz in meinem Wohnkeller beherbergt. Ein dynamischer Mann, der – wie ich – seine Wäsche in Vakuumfolien verpackt, damit sie im Koffer nicht so viel Platz wegnimmt, und der weltweit Gesundheitsprojekte kalkuliert. Der hat bei der nächtlichen Tasse Kräutertee ein abscheuliches Finanzszenario entworfen: Die Abschaffung des Bargeldes. Wir werden uns darauf einstellen müssen. Denn das ist die staatlich subventionierte Vorbereitung auf den nächsten Banken- Crash, der vor der Tür steht. Wenn es kein Bargeld mehr gibt, können sich die Banken in Ruhe retten, denn ein Tag genügt dem Zentralcomputer, um von allen Konten weltweit zwei Nullen zu streichen. Am nächsten Tag hat der Millionär nicht mehr 70 Millionen, sondern „nur noch“ 700 000 Euro, aber der kleine Mann, mit 7000 Euro Sterbegeldversicherung wie ich, hat grad mal noch 70. Und der Schweizer sagte, er gibt dem kapitalistischen System noch 7 bis 10 Jahre, dann zerbricht es endgültig. Und dann? Der einzige, der dazu positive Gedanken hat, ist Wolfgang Flieder von den Frankfurter „Oderhähnen“: Na, dann gehen wir eben gleich in den Kommunismus über, sagt er. Ja, vielleicht. Paula sagt ja auch, alles Übel der Welt verschwände, wenn es kein Geld mehr gäbe und jeder nur noch lebt, um das zu tun, was ihm Spaß macht. Die Menschen würden nicht aufhören zu bauen, zu forschen, zu singen. Vielleicht, aber würden sie aufhören zu kämpfen? Meine kulturwissenschaftlichen Studien sagen: Nein. Oh, liebes Universum, ich muss aufhören zu philosophieren!

Freut Euch an den ersten Krokussen, liebe jot w. d.-Leser. Und wer kann, sollte Silbermünzen kaufen. Hat der Guru aus der Schweiz gesagt. Frohe Ostern! Damit fing irgendwann mal das Dilemma der Menschheit an.

Eure Daggie