Gagarin statt alles Gaga

Mir ist kürzlich in Erinnerung gekommen, was der erste Mensch im All Juri Gagarin vor 55 Jahren nach seinem Flug als größte Entdeckung von dort oben mitteilte: Es habe ihn überrascht und erschüttert, wie hauchdünn , wie verletzlich die alles irdische Leben beschützende Atmosphärenschicht aus dem All aussieht. Der Blick aus wenigen hundert Kilometern Entfernung von Mutter Erde ließen ihn damals appellieren, sorgsam mit der Erde umzugehen und friedlich zu bleiben.

 Ein Appell, der im Kalten Krieg mit einsatzbereiten Kernwaffen nicht verwunderte. Umso mehr muss es verwundern, dass bis vor kurzem die hauchdünne, verletzliche Hülle für menschliche Zivilisation scheinbar kaum noch ein persönliches Thema wie einst bei Gagarin war. Alles gaga, nichts Gagarin. Wenn weltweit Politiker und Presseleute mehr oder weniger erfolglos über Klimaschutz und die Eindämmung von Kriegen nachdachten, schien uns das nicht direkt zu betreffen. Der Alltag ging hier wie gewohnt weiter. Jetzt aber haben wir nicht nur Shopping und Styling auf dem Schirm, sondern die Geflüchteten vor der Nase. Da kann nicht nur Donald Trump mit niederen Instinkten spielen, Rache an allen Muslimen herbeireden. Kreuzzüge haben bekanntlich mehrfach Mitteleuropa verheert. Da werden im Verlaufe eines Jahres in schneller Abfolge Griechen, Russen und Flüchtlinge fast ohne Widerspruch zu obersten Sündenböcken gemacht, im Nebel verschwunden die Finanzkrise und – wie praktisch! - ihre Verursacher.

Verfehlte Politik mit nahezu unkontrollierter Bereicherung von wenigen? Kein Thema! Denn es blökt die Herde zustimmend vor der Glotze oder auf der abendländischen Pegida-Straße mit den selbsterwählten Hirten, wenn die auf Geflüchtete als die schwarzen Schafe zeigen. Wir trösten unser Gewissen: Einer muss schließlich immer dran glauben. Und im Tatort-Fernseher lässt die Zivilisation mit einem amoklaufenden Til Schweiger letzte Schamgrenzen fallen, wenn unverblümte Rache durch Eigenjustiz mit hohen Einschaltquoten honoriert wird. Der schießwütige Racheengel hat die Wiedereinführung sofort zu vollstreckender Todesstrafen mit Fingerzeig auf versagende Justizapparate hinreichend begründet. Wir dürfen also danach ruhig schlafen.

Nähern wir uns also einfach-praktischen steinzeitlichen Verhältnissen mit Jägern und Gejagten, Fressenden und Gefressenen? Da war wenigstens alles noch so schön übersichtlich! Zumal die Frauen vorm Höhleneingang am gemütlichen Feuerchen (Vorläufer des Bildschirms) die besiegten Feinde vortrefflich gewürzt zubereitet hatten (Vorläufer aller Kochshows). Wobei die neugierig zuschauenden Kinder zugleich alle notwendige Bildung völlig ohne Schulbesuch erhielten. Auch Freunde bayrischabendländischer Popkultur kann ich trösten: Nach dem Fressen gab es stets Saufgelage, melodisches Siegesgebrüll und Freudentanz um die abgeknabberten und zum Dank an die Götter fein aufgeschichteten Gebeine der Opfer.

Kurzum: Eine geile Zeit, in die wir jetzt hineinwachsen!

Euer Schwejk