Teilweise erstaunliche Entdeckungen

Zehn Jahre jot w.d. - Der Blick zurück - Folge 3: Das Jahr 1998

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Donnerwetter, das Ausforschen eines ganzen Jahrganges von jot w.d. nimmt nicht nur ziemlich viel Zeit in Anspruch. Es ähnelt auch der Arbeit eines Archäologen, der in Dingen wühlt, die er selbst nicht erlebt hat. Will heißen: Damals war ich noch nicht dabei. Aber was es da für tolle Entdeckungen gibt! Weites Theater, Galerie HO, Geschichtswerkstatt, Studio Hellersdorf, Schülerzentrum KIDchen. Alles Dinge aus längst vergangenen Zeiten, die es heute nicht mehr gibt. Genauso, wie das Blues-Café in der Hellen Mitte. Auch Namen finden sich, die man längst vergessen glaubte. Etwa Frau Höpfner, seinerzeit Vorstandsvorsitzende der MEGA. Aber die gibt's ja auch nicht mehr. Heinz Knobloch war in der Kiste, ich erinnere mich an den wunderbaren Nachruf von Inge Dittmann, als er vor zwei Jahren starb. 
Ähnlich ging es mir mit dem liebevollen Bericht über Christa Sallmann. Und erinnert sich noch jemand (ich meine, auch ohne diesen Hinweis) an Jack Gelford? Er und "seine" WoHeHe standen regelmäßig in der Kritik. Mehrfach zu finden war auch der Name Edeltraud Töpfer; es war ja ein Wahljahr. Sie hatte nicht nur auf die Zehn Gebote verwiesen (die jot w.d. sogar vollständig abdruckte), sie hatte auch versprochen, bürgernah und in ihrem Wahlkreis stets präsent zu sein. Nun ja, Wahlversprechen habe eine Halbwertzeit bis einen Tag nach der Wahl, nicht wahr?

Verluste gehören zum Leben. So wie in Ausgabe 8/9 des Jahres 1998. Da waren auf den Seiten 3 bis 9 sämtliche "d" abhanden gekommen (Auflösung des Dilemmas in Nummer 10). Es liest sich trotzdem lustig, wenn da steht: "Die aneren 180 Teilnehmer flitzten per Rennra oer mit moernsten Mountain-Bikes nach Rom." Unter Verlust wird heute auch abgebucht, was 1998 kräftig gefeiert wurde: Der Schulcontainer am Lehnitzplatz.

So konnte man sich 1998 irren ...

Die Wildkirsche blieb solo, es wurde nichts aus dem „ Wäldchen von Hochzeitsbäumen “.

Andere Dinge setzen - mit Blick auf's Heute - doch mächtig in Erstaunen. Da wird über das Pflanzen einer Bürgerlinde in Kaulsdorf berichtet. Wenig später setzte der frisch verheiratete Bürgermeister Uwe Klett (jot w.d. berichtete exklusiv) seine Hochzeitslinde hinzu. Und jot w.d. schrieb: "Eine 20 Meter hohe Linde mit 12 Meter Kronendurchmesser hat etwa 600 000 Blätter und deckt den Sauerstoffbedarf von 10 Menschen. Würde diese Linde gefällt, müssten ca. 2000 junge Bäumchen gepflanzt werden." Hat man gehört, dass für die 34 gefällten Linden am Galgen jetzt 60 000 neue Bäume gepflanzt werden? Und wer sind die 340 zwangsausgesiedelten Bürger, denen der Sauerstoff zum Leben genommen wurde? Doch auch 1998 wurde kräftig an der Natur gefrevelt. Bulldozer eines "Investoren" zerstörten den Schilkin-Park.

Zurück zu Frau Höpfner, die das Bezirksamt ins neue Rathaus einziehen ließ. Geschrieben stand: "Alle Ämter unter einem Dach". Was habe ich gelacht! Genau so schallend, wie über die Bemerkung, durch diesem Umzug würden "hunderte zweckentfremdete Wohnungen frei". Frei sind sie ja immer noch (in den beiden Häusern an der Alten Hellersdorfer Straße). Im versprochenen Stadtteilpark am Hellersdorfer Graben pflanzte das erste Hochzeitspaar, das im neuen Rathaus getraut wurde, Sandra und Michael Klein, eine Wildkirsche. jot w.d. hoffte, daraus möge ein "Wäldchen von Hochzeitsbäumen" werden. Vergeblich. Kein Wäldchen, kein Park, nicht einmal die versprochenen Sportflächen für Trendsportarten, die damals in Mode waren (und es wohl heute noch sind). Es gab 1998 auch Erfreuliches. Anja Tuckermann wurde 3. Stadtschreiberin, HASE (die Arbeitsgemeinschaft aus Hellersdorf, Altlandsberg, Strausberg und Erkner) tagte. Sie tagte sogar öffentlich! Zum ersten mal gab es den Kultursommer im Park des Gutshauses Mahlsdorf. Und es wurde die Alice-Salomon-Fachhochschule eröffnet.

 

Andere Aussagen kann jot w.d. (wir schrieben es bereits) getrost auch nach acht weiteren vergangenen Jahren wiederholen. "Naturschutzbehörde hat langjährig geschlafen", schrieb Heino Mosel, der schon damals "Nestor der Hellersdorfer Naturschützer" genannt wurde. Und der aus Protest sein Bundesverdienstkreuz an den damaligen Bundespräsidenten Herzog zurück schickte. Zu lesen war auch: "Trotz Einsparung bleibt ein Defizit von 20 Millionen". Im Unterschied zu heute waren es damals D-Mark, und heute ist die Summe (umgerechnet in Euro) vier Mal so groß.

Die Ursache war auch ausgemacht worden: 15 Millionen, die zusätzlich in die Jugendsozialhilfe gesteckt wurden. Der vermeintliche Trick, dafür dem Senat die finanzielle) Verantwortung für die Sanierung von Schulen, Kindergärten und Straßen zuzuschieben, hat schon dazumal nicht funktioniert. Heute, unter Rot-rot, erst recht nicht. Bürgermeister Klett schrieb: "Manchmal kann man in der heutigen Gesellschaft nur durch Zuspitzung die Verlogenheit von Berliner und bundesdeutscher Politik aufhellen." Ob er dies noch immer denkt? Es handelte sich dabei um eine Antwort auf einen Beitrag von EvelineKolloch,die meinte, "freie Träger als Galionsfiguren einer funktionierenden sozio-kulturellen Struktur" würden überschätzt.

Heino Mosel gab 1998 sein Bun­desverdienstkreuz zurück.

Tja, so war das damals im Jahr 1998. Es gab auch etwas zu feiern: Den dritten Geburtstag von jot w.d. und den 50. ihrer Gründerin Ingeborg Dittmann. Nachträglich herzlichen Glückwunsch!

Ralf Nachtmann