Bloß nicht am Quartalsende krank werden

Kabarettistin Dagmar Gelbke hatte ihre liebe Not mit den „Doctores“

Nun habe ich gar keine Zeit mehr für die Ostereiergeschichte, die ich diesmal schreiben wollte. Ich musste nämlich plötzlich und unerwartet und auch noch kurz vor meiner Abreise in die Türkei zum Arzt. Mehr noch, ich musste am Tag vor der heiligen Quartalsabrechnung der Ärzte zum Arzt! 

Zwar hatte ich versucht, diesen Gang mittels Hustenbekämpfung durch Hausmittel und Tigerbalsam zu vermeiden, hatte auch schon Wochen vorher mit Frühjahrsfasten inklusive Bittersalz-Darmreinigung gehofft, mein Immunsystem gestärkt zu haben - aber denkste! Ich war die letzte Läuferin beim Staffellauf des Virus, der seit Wochen einen "Oderhahn"-Kabarettisten nach dem anderen zur krächzenden Krähe gemacht hatte.

Ich ging also früh um acht in die Akut-Sprechstunde eines vorbildlichen HNO-Arztes in Schönefeld. 11 Uhr war ich dran. Da ich über starke Schmerzen beim Husten klagte, telefonierte er mit einem ihm bekannten Lungenfacharzt und dank seiner Fürsprache hätte ich mich und meinen Virus bis 12 Uhr mittags dort vorstellen können, was jedoch wegen der Alex-Nähe dieser Praxis nicht zu schaffen war. Und die Nachmittagssprechstunde fiel wegen der Quartalsabrechnung aus. Nach einem spannenden Gespräch über die Zustände im deutschen Gesundheitswesen entließ mich mein HNO-Doktor mit einem Überweisungsschein und dem Wissen, dass seine Arzthelferin mehr verdient als er, in die unendlichen Weiten der Berliner Ärztelandschaft.

Der ärztliche Bereitschaftsdienst nannte mir zwei ab 15 Uhr geöffnete Praxen in meiner "Nähe" (Schönefeld/Neukölln), wo man mich jedoch wegen der Quartalsabrechnung achselzuckend, aber freundlich, an meine Hausärztin verwies. Wäre ich nur gleich zu ihr gegangen! Denn - oh Wunder - dort in Baumschulenweg fand ich ausnahmsweise ein leeres Wartezimmer vor. Nun ja, wahrscheinlich trauen sich die Patienten in Zeiten der Quartalsabrechnung gar nicht mehr hin zu meiner Frau Doktor.

Sie jedenfalls hat mich abgehört, mir aufgeschrieben, welche Inhaltsstoffe ein Medikament haben müsste, falls es mit meinem Husten im Urlaub schlimmer werden sollte. In der Türkei bräuchte ich kein Rezept und billiger wäre die Medizin auch. Mitten in der Quartalsabrechnung könne sie, meine Frau Doktor, keine Medikamente mehr verordnen, geschweige denn abrechnen. Und nach einem weiteren spannenden Gespräch über die Zustände im deutschen Gesundheitswesen kam ich um 19 Uhr entnervt zu Hause an.

Aber immerhin habe ich durch meine Odyssee auch erfahren, dass nicht nur bei den Krankenkassen der Verwaltungsaufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen für die Bevölkerung steht: Auf die ca. 6000 niedergelassenen Ärzte in Berlin kommen 1000 Mitarbeiter der Kassenärztlichen Vereinigung, der Interessenvertretung der Ärzte, weswegen die revoltierenden Ärzte hierzulande u.a. über eine Auflösung dieser sich verselbständigenden Einrichtung nachdenken. Die Gelder, die dem deutschen Gesundheitswesen zur Verfügung stehen, fließen nämlich zu einem Drittel in die Medikamente, die wir Patienten in uns hineinstopfen, zum zweiten Drittel in die Krankenhäuser. Erst vom dritten Drittel kriegen die niedergelassenen Ärzte - das sind die, welche die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung gewährleisten sollen - lediglich acht Prozent. Die Kassenärztliche Vereinigung dagegen frisst 18 Prozent davon auf.

Moment mal, das sind jetzt 26 Prozent vom dritten Drittel. Wer kriegt den Rest? Wahrscheinlich die Pharmaindustrie, damit sie ihre Medikamente billig ins Ausland verkaufen kann, um dort die medizinische Versorgung deutscher Touristen wie mich zu gewährleisten.

Dass ich mir meine Medikamente auch in der Türkei kaufen kann, das wusste ich eigentlich schon, bevor ich morgens losgegangen war. Hätte ich also nicht doch in Ruhe meine Ostergeschichte schreiben können?

Eure Daggie Gelbke