Dabbelju macht auf Öko, Leyen auf DDR

Kabarettistin Dagmar Gelbke macht sich auch Gedanken über „Eine Welt“

Mein fetter Kater ist weg. Seit dem 16. Februar. Nun hat der mdr in „Unter uns“ doch tatsächlich eine Frau gefunden, die über tierischtelepathische Kräfte verfügt, und behauptet, Tiere könnten unsere Gedanken lesen und reagierten entsprechend. Alles klar: Jerry hat nicht nur meine Gedanken gelesen, sondern auch meine jot w.d.-Kolumnen: Beleidigt darüber, dass ich ihm letztens seine Verfressenheit vorwarf, hat er mich verlassen.

Aber die Wahrheit ist, bei mir hält es wirklich kein Kerl aus. Neben den x Männern, die Reißaus nahmen, ist Jerry nun schon der dritte Kater. Nun ja, alles hat auch seine guten Seiten, wie Oma immer sagte: Immerhin kann ich nun über Nacht wegbleiben bei meinen Gastspielen. Das spart unheimlich Benzin und schont die Umwelt.

Womit wir bei mich bewegenden Themen wären. Wie lange gibt es Greenpeace? Seit dem „Schweinejahr“ 1971, also seit 36 Jahren.  Und was wurden diese Umweltaktivisten verteufelt, oder im günstigsten Falle als Spinner belächelt! Plötzlich aber hat Mr. Dabbelju nach jahrelangem Büffeln die Vokabel „ecology“ im Sprachgebrauch, die Bild-Zeitung schreit begeistert auf, und prompt werden in Deutschland Solar-Anlagen bezuschusst, wie in Anatolien schon seit langem. Irgendwas stimmt doch da nicht. Am System. Es ist wie mit den FCKW-freien Kühlschränken, den Biodiesel- und Elektroautos, der alternativen Stromerzeugung und dem Rauchverbot. Erst, wenn die Monopole aus den rückschrittlichen Industrien den höchsten Profit erzielt haben, wird Fortschritt zugelassen, dann aber gleich mit unsinnigen Auflagen, die international nicht greifen. Dabei leben wir in ONE WORLD. Aber ich soll an meinen Blutdruck denken und mich nicht aufregen.

Wie eine Zeitreise in die DDR

Übrigens: One world. Meine allerbeste Freundin Elfriede aus Tegel und mein allerbester Kumpel Peter, was ihr Mann ist, waren mit ihren 70 Jahren drei Monate lang in Indien. Peter ist Polier (was ihn im übrigen dazu verurteilt hat, seit Maueröffnung das Hexenhaus Gelbke vorm Einsturz zu bewahren), und die Idee war, in einem katholischen Institut nahe Kerala jungen Indern das Maurerhandwerk beizubringen, damit sie ihre Häuser nicht mehr aus Spendenfonds bauen lassen, sondern selbst Hand anlegen. Hilfe zur Selbsthilfe heißt das wohl. Ergebnis: Peter hat ganz allein 12 000 mal Stein auf Stein geschichtet und der Kirche einen Sommergrillplatz gegen den Monsunregen überdacht. Und selbst der einzige junge Mann, der ihm aufgrund mangelnden Interesses anderer Jung- „Indianer“ zugeteilt worden war, hat sich begnügt, Peter den Zement zuzutragen. Peter sagt, die einzigen Bausteine, die indische Jugendliche interessieren, sind Microchips in ihren PCs.

Allerdings seien an großen indischen Neubauten unglaublich viele Frauen beteiligt. Erinnert mich irgendwie an die ehemalige Sowjetunion, wo schwere Arbeit sehr oft hauptsächlich von Matrjoschkas erledigt wurde...

Da fällt mir ein, worüber ich mich noch aufrege: Diese nicht endenwollenden Diskussionen um Kinderkrippen, arbeitende Mütter und mütterjahrnehmende Männer. Sind sie nicht lächerlich? Ich komme mir vor wie auf einer Zeitreise zurück in die DDR der 60er Jahre. Damals wurde das alles diskutiert und im sozialistischem Gang geregelt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals Probleme gehabt zu haben, weil ich allein erziehende, arbeitende Mutter war. Am meisten rege ich mich auf, wenn ich sehe, wie dieser – nun von Frau von der Leyen neu erfundene – Fortschritt vor kurzem noch verteufelt wurde nach dem Motto: Kollektiv aufs Töpfchen, das war staatliche Zwangsideologisierung im Kindergarten und führte zu Rechtsradikalismus im Osten, wenn man an Schönbohms Gedankensalat denkt.

Mein Film-Tipp: „An der Grenze“

Apropos DDR-Geschichte. Dass mich der Oscar-Gewinner „Das Leben der anderen“ wegen seiner Gutmensch-Legende nicht sonderlich begeistert hat (wie auch der Friedensfilmpreisgewinner 2007 „Goodbye Bafana“ aus selbigem Grunde), ist in einer meiner Kolumnen vom vergangenen Jahr nachzulesen. Allerdings konnte ich damals nicht genau erklären, warum. Jetzt weiß ich es: Ein Film, der recht lange vor der Wende spielt und damit beginnt, dass ein 1.3er Wartburg, der erst Mitte ‘89 auf den Markt kam, durchs Bild fährt, kann nicht authentisch sein! Aufgeklärt hat mich diesbezüglich der Regieassistent des NVA-Films „An der Grenze“, dessen Premiere ich vor ein paar Tagen beiwohnen durfte. Dieser junge Mann namens Sascha war an diesem Abend schrecklich unglücklich. In einer Szene, die in einem Schulungsraum der DDR-Grenztruppen spielt, sähe man nämlich eine Steckdose, die nicht DDR-TGL entspricht. Und nur deshalb hätte der Film nun keine Chance auf einen Oscar. Sascha, diese Chance hätte er auch nicht mit der richtigen Steckdose, weil es ein wirklich großartiger, authentischer Film ist, der nichts heroisiert und nichts lächerlich macht. Ein Film, von dem unsere Enkel erfahren können, wie es war an der deutsch-deutschen Grenze. Stefan Kolditz, der das Buch schrieb, hat sie so erlebt. Urs Egger, ein Schweizer, hat ohne Pathos oder Bewertung inszeniert, die Bilder des Kameramanns Martin Kukala zeigen einen deutschen Landstrich, der einfach schön ist und die Schauspieler – u.a. Jutta Hoffmann, Corinna Harfouch, Hilmar Eichhorn, Jürgen Heinrich und natürlich auch ganz junge Leute wie Jakob Matschenz und Bernadette Herrwagen – sind einfach hervorragend.

Nun hätte ich noch viel zu Poetry Slam zu sagen und zu meinem Lieblingsthema „Deutsche Bahn“ ... Aber dazu reicht der Platz nicht aus. Außerdem muss ich die Ostereier aufhängen, auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich über Ostern im Lande sein werde. Eigentlich brauche ich prophylaktischen Urlaub. Meine Tochter und mein „Enkel“ – also ihr Kater Toni - wollen nämlich für länger wieder bei mir einziehen, und ich glaube, dazu werde ich ein starkes Nervengerüst nötig haben. Wer kennt das nicht? In diesem Sinne herzlichst

Eure Daggie Gelbke