Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 33

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe mit der Kult-Band City fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

City

Die Kings vom Prenzlauer Berg

An einem Tag im Februar vor 35 Jahren treffen sich fünf langhaarige Musiker im Arthur-Becker- Club in Köpenick zu ihrer allerersten Mugge. Klaus Selmke ist schon dabei, auch Fritz Puppel. Toni Krahl, der Sänger und Chef der Band, noch nicht. Frank Pfeiffer hieß der erste Sänger. Auf der Titelliste steht kein einziges selbstgeschriebenes Lied. Es wurde zum Tanz gespielt. Stones, Beatles, Uriah Heep, Spencer Davis Group dröhnen aus den Boxen. Die waren damals, 1972, noch sehr klein, das Equipment relativ bescheiden.

 

Zwei Bilder, zwischen denen 28 Jahre liegen: City auf ihrer 1979 erschienenen 2. LP mit dem Namen „Der Tätowierte“. Mittlerweile sind die Haare dünner (oder ganz verschwunden) und die Figuren ausladender geworden. An der Faszination der Musik hat sich nichts geändert.

Fotos: Archiv

Das erste richtige Konzert fand ein Jahr später in Döbeln statt. 1975 kam Georgi „Goro“ Gogow, der „Teufelsgeiger“ zur Band, ein Jahr darauf Toni Krahl, 1982 Manfred Hennig. Goro stieg Ende 1981 aus, kam erst nach der Wende wieder zu City zurück. In dieser Fünferbesetzung spielt die Band noch heute..

Die ersten erfolgreichen Songs hießen „Der Tätowierte“ und „Es ist unheimlich heiß“. 1977 dann ihr größter Hit, der die Band auch im Westen bekannt machte und Goldene Schallplatten einbrachte: „Am Fenster“. Knapp 18 Minuten dauert die Langfassung mit dem Geigensolo von Goro. Danach kamen unzählige weitere Hits („Der King vom Prenzlauer Berg“, „Meister aller Klassen“, „Casablanca“, „Wand an Wand“, „Unter der Haut“, „Feuer im Eis“, „Dreamer“, „Gute Gründe“, „Pfefferminzhimmel“, „Rauchzeichen“). Oder jene so treffende Stimmungsbeschreibung kurz vor dem Ende der DDR, die die City-Musiker nie verließen, obwohl es Möglichkeiten gegeben hätte (City war die erste Rockband, die im Westen auftreten durfte). „Halb und halb“ heißt der Song von 1988, der nicht im Radio gespielt werden durfte („Im halben Land und der zerschnittenen Stadt, halbwegs zufrieden mit dem, was man hat, halb und halb...“). Ehrlicher, urwüchsiger Rock ebenso wie sanfte Balladen und immer am Puls der Zeit, das war, das ist ihr Markenzeichen. Ob zu DDR-Zeiten oder im „neuen Deutschland“.

Das einzige, was sich nach 35 Jahren verändert hat: Piratentuch, Käppi und Hut verdecken die gelichteten Häupter der Musiker, die logischerweise wie die Band in die Jahre kamen. City ging in die Offensive und machte einen Slogan daraus: „Ohne Bass und Haare durch die 90er Jahre“. Nun, mehr als ein Jahrzehnt danach, sind sie immer noch da, die Rocker vom Prenzlauer Berg. Und feierten in dem Club, wo alles begann, unlängst ihren 35. Geburtstag. Wie sich`s gehört natürlich mit einer brandneuen Scheibe, ihrer 12. („Yeah! Yeah!Yeah!”), und einem Geburtstagskonzert im Tempodrom.

Nach der Wende gründeten Puppel und Krahl sogar ein eigenes Plattenlabel (KPM, heute K & PMusic), verlegten Bands wie Karat, Keimzeit, die Inchtabokatables, viele junge Bands und natürlich ihre eigenen Platten. Wie etwa das erfolgreiche Album „Am Fenster 2“ zu ihrem 30-jährigen Jubiläum 2002. Klaus Selmke engagiert sich seit Jahren für die Ärmsten der Armen in Ghana, organisiert Projekte, die Kindern eine Schulausbildung ermöglichen. Goro engagiert sich in der Förderung für bildende Künstler, rief das Musikprojekt „Der wilde Garten“ ins Leben. So gibt es neben City für Jeden noch ein anderes Leben. Und doch ist die Band ihr LEBEN. Damals wie heute.

Ingeborg Dittmann