Dem inneren Schweinehund trotzen

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke schwänzt gern mal das Fitness-Studio, um in Kinosesseln zu relaxen

 

Nachdem mir die Brandenburger Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen, gleichzeitig Gleichstellungsbeauftragte, Frau Dagmar Ziegler, in einer Talkshow anlässlich der diesjährigen Brandenburger Frauenwoche sagte, dass die Angleichung der Frauengehälter an die der Männer nicht Sache der Politik sei, habe ich erst mal wieder den Kopf in den Sand, sprich meinen Haushalt gesteckt. Und habe, um meine Wut über diese Antwort loszuwerden, so viele Möbel umgeräumt – also geschleppt, dass an den normalerweise österlichen Gästestress in diesem Jahr nicht zu denken war, weil ich erkennen musste: Die Uhr des körperlichen Verfalls läuft unaufhaltsam. Da können die schmissigen Tänze auf der Kabarettbühne kaum noch drüber hinweg täuschen.

Aber man tut ja auch nichts Vernünftiges, um den Verfall zu stoppen. Der Fitness-Studio-Vertrag verschlingt jeden Monat ungenutzt eine fette Summe, für die man richtig weit weg fahren könnte, wenn man sie auf’s Jahr hochrechnet. Und was man zu Hause selbst tun könnte, um die müden Knochen zu entlasten: Tai Chi, die Fünf Tibeter – der innere Schweinehund ist stets stärker. Da liegt man über Ostern lieber faul vor dem DVD-Player. Das war dann mein Boykott der Olympischen Spiele in China.

Apropos, Tibet. Dass seine reichen Bodenschätze und Naturreserven – vor allem Wasser – von den Buddhisten niemals gnadenlos ausgebeutet werden würden, weil auch ein Stück Eisenerz vielleicht mal Deine Oma war (oder hab ich da was falsch verstanden?), ist der Grund, warum das Entwicklungsland China so eisern, im Wortsinne, an der Annexion dieser Gebirgsregion festhält. Aber ja, da steht das kommunistische China doch in der Verantwortung gegenüber den reichlich fließenden Entwicklungshilfegeldern der Weltstaatengemeinschaft, seinen Beitrag zur Umweltzerstörung zu leisten. Was heißt hier Menschenrechte? Nazi-Deutschland hatte doch auch seine Olympiade. Und die hat den Holocaust verhindert und den zweiten Weltkrieg, nicht wahr? Oh, verlogenes Politikergeschwafel – man denkt doch in der Bundesregierung nun tatsächlich darüber nach, die Entwicklungshilfe für China auszusetzen. Entwicklungshilfe für die am stärksten boomende Wirtschaftsmacht der Erde! Du lieber Dalai Lama! Buddha, Krishna oder wer auch immer, gebe Dir die Kraft, selbst die Toleranz zu wahren, die Du der Welt stets lehren wolltest.

Dermaßen empört habe ich mich an den Osterfeiertagen dann doch noch bewegt, erst einmal zu Lidl am Ostbahnhof, weil mir mein Sauerbraten angebrannt war. Uff, Lidl, die Verbrecher, die im Leben der Anderen herumschnüffeln. Da geht man nicht hin? Wie blöd ist dieses Volk doch in seinen Vergleichen. Was hat bitte schön das gute Preis- Leistungs-Verhältnis für den Kunden damit zu tun? Dass die Mitarbeiter unterbezahlt werden, ist nun wirklich Sache der Politik, liebe Frau Ziegler, menschenwürdige Löhne müssen angeordnet werden. Aber diese Schnüffelei kann gerichtlich oder wie auch immer unterbunden werden, und das ist gut und richtig so.

Aber wer unterbindet denn die Schnüffelei von Behörden wie Finanzamt oder Agentur für Arbeit? Meine alte Freundin Elisabeth, die von 534 Euro Rente und 152 Euro Rentenausgleich lebt, muss, weil sie ihre Enkel immer überreichlich beschenkt (was einfach eine altersbedingte Marotte ist, aber immer noch besser als Rauchen und Saufen) einen Überziehungskredit von 800 Euro ausgleichen. Das fällt ihr schwer, aber wir alle haben ihr zu Weihnachten ein paar Scheine zugesteckt, die sie brav zur Sparkasse getragen hat. Kurz darauf kamen Briefe vom Amt, dass sie ihre Einnahmen nicht angegeben habe und ihr der Rentenausgleich für drei Monate gestrichen wird. Was zeigt, dass Elisabeth total überwacht wird. Das, finde ich, ist ein Skandal.

Kurz, die Lidl-Rouladen sind mir dann richtig gut gelungen, nachdem ich im Kino war. Wer die Filme, die ich sah, bisher verpasst hat, sollte schnell noch loslaufen: „Liebe in Zeiten der Cholera“ – wunderbar. Sinnlich, poetisch, fantasievoll, untermalt von der herrlichen Stimme Shakiras – ein echter Gabriel Garcia Marquez eben. So richtig was zum Versinken im Kinosessel.

Und dann „I’m Not There“ – diese geniale Allegorie auf die Generation Bob Dylan. Muss man gesehen haben, nicht nur wegen der unübertrefflichen Cate Blanchett. Allerdings handelt es sich nicht um eine Biographie des einstigen Protest- Sängers. Lediglich seine großen Lieder dienen als Vehikel in der Dramaturgie des mit vielen Schwarz- Weiß-Bildern unterlegten Kunstwerks, das die Kraft und Zerrissenheit einer ganzen Epoche beschreibt – von der auch wir inspiriert wurden, obwohl wir hinter dem Eisernen Vorhang lebten. Eine Epoche, die uns lehrte, dass Lieder die Welt nicht verändern können. Tja, wahrscheinlich tut das ein Boykott Olympischer Spiele auch nicht.

Schluss nun. Im April kein unentschlossenes Sinnieren mehr, versprochen. Auch, wenn der Hundertjährige Kalender weiterhin Winterwetter verspricht und bestimmt zu weiteren kuschligen Fernsehabenden einlädt, wünsche ich uns allen einen stürmischen Frühling – in jeder Beziehung.

Eure Daggie