Krise im Einzelhandel?

Zu viele Läden für zu wenige und zu arme Leute

Marzahn-Hellersdorf – Immer öfter findet man an verwaisten Ladenschaufenstern das signalrote Schild „Zu vermieten“. Immer seltener gibt es im Bezirk Möglichkeiten des niveauvollen Einkaufs. Laut Wirtschaftsstadtrat Christian Gräff steht ein Siebtel der vorhandenen Verkaufsfläche leer. Zwei Hauptgründe gibt es für diese Entwicklung: Übermäßige Ansiedelung großer Einkaufs-Zentren in den 90-er Jahren und sozialer Abstieg seit 2002.

Stirbt mit der inflationären Ausbreitung von Shopping-Malls der Facheinzelhandel in Berlin und Brandenburg? Unter diesem provokanten Motto diskutierten im Märkischen Presse- und Wirtschaftsclub (MPW) Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns, Staatssekretärin Hella Dunger-Löper von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Präsidentin des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg (HBB), Karin Genrich, und Volker Pesarese, Vertriebsdirektor der Karstadt-Warenhäuser. HBB-Präsidentin Genrich plädierte nachdrücklich für den Erhalt der kleinen Läden und Einkaufsstraßen, die mit ihrer Individualität und dem direkten Kundengespräch zum Bild jeder Stadt gehören und gerade auch von den Kunden reiferen Alters gewünscht werden. Ein „for tschreitender Strukturwandel des Einzelhandels in der Region Berlin- Brandenburg“ sei vor allem durch den großflächigen Einzelhandel hervorgerufen worden. Der aktuelle Anteil der Kaufhäuser und Fachmärkte an der Verkaufsfläche liege heute in Berlin bei 62,5 Prozent und im Land Brandenburg bei 75 Prozent.

Das Eastgate am S-Bahnhof Marzahn als größtes Shopping Center des Ostens läuft prima.

Foto: Nachtmann

Karstadtdirektor Volker Pesarese findet es bedenklich, dass einerseits die Umsätze stagnieren, andererseits jedoch die Zunahme der Verkaufsflächen mit großer Dynamik weiter gehe. „Es zeichnet sich ab, dass der mittelständische und inhabergeführte Einzelhandel auf der Strecke bleibt.“

Den mehrfach in der Diskussion gebrauchten Begriff von der „Krise im Einzelhandel“ wollte Ulrich Junghanns so nicht gelten lassen. Es finde eine gigantische Umverteilung statt, so der Minister. Junghanns unterstrich die Bedeutung des Einzelhandels in den Innenstädten. Man dürfe nicht passiv bleiben, sondern müsse die Initiativen fördern. Staatssekretärin Hella Dunger-Löper sprach von einem breiten Verdrängungswettbewerb, den aber auch sie nicht als Krise im Einzelhandel sehen mochte. Natürlich sei es vom Senat nicht gewollt, „dass die Großen die Kleinen auffressen“. Man müsse stärken, was vorhanden ist. „Wir wollen keinen uniformierten Handel, sondern ein breit gefächertes Angebot.“ Wichtig seien Originalität und Aufenthaltsqualität, das müssten die Bezirke unterstützen. Sie nannte in diesem Zusammenhang die Kampagne „Mitten drin“, die die Attraktivität der kleinen Läden stärken soll. Im Wuhlebezirk ist von dieser Entwicklung jedoch (noch) nicht viel zu spüren. Klassische Einkaufsstraßen wie etwa die „Bölsche“ in Friedrichshagen, gibt es nicht. Die beiden Promenaden in der Großsiedlung darben ziemlich erbärmlich vor sich hin. Und selbst in den Kernen der früheren Dörfer hat die Stadtplanung der vergangenen Jahre dafür gesorgt, dass weder von Aufenthaltsqualität, noch von Einkaufsflair etwas zu spüren ist. Selbst hier, wo Wirtschaftsstadtrat Gräff die etwas kaufkräftigeren Schichten der Bevölkerung vermutet, dominieren Billigheimer aller Art. Einzig das Eastgate am S-Bahnhof Marzahn kann sicher und zufrieden in die nähere Zukunft blicken.

Laut Staatssekretärin Dunger-Löper werde es in Berlin über die bereits genehmigten hinaus im Prinzip keine weiteren Shopping Malls mehr geben. Fachmärkte hingegen wie der IKEA-Neubau an der Landsberger Allee, direkt an der Grenze zum Bezirk Marzahn-Hellersdorf, müssten genehmigt werden.

Die Teilnehmer des MPW-Forums konnten einen Unterschied nicht nachvollziehen und erwarten von solchen Fachmärkten die gleichen Auswirkungen auf den Facheinzelhandel und Einkaufsstraßen wie von Shopping-Malls.

R. Nachtmann, U. Wallburg