Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 56 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Sänger und Komponisten Wolfgang Ziegler fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Wolfgang Ziegler

 

Vom Wir zum Ich und zurück

 

Als der am 8. Oktober 1943 in Rostock geborene Sänger 1986 den Schritt vom Wir zum Ich wagte, hatte er 23 Jahre als Bandmusiker hinter sich. Insofern war die Trennung von der Gruppe WIR nicht unbedingt der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Der Rostocker, der mit dem Lyriker Jens Gerlach 1972 WIR gegründet hatte, war Mitte der 80er durch viele TV-Auftritte, Konzerte, Platten und Tourneen bekannt. Und durch zumeist lyrisch betonte Songs wie „Im Spiegel deiner Augen“, „Nach dem Konzert“ „Da schlug die Flamme“ oder auch Stimmungshits wie „Garten-Party“. Die beiden letztgenannten Songs singt er heute noch in Konzerten. Vor allem aber den Schlager, der ihm 1987 den Start in seine Solokarriere erleichterte – noch heute ein Mega-Hit: „Verdammt, ich lieb dich“. Dabei hätte das ganze damals auch nach hinten losgehen können. Denn den Text für „Verdammt“ hatte ihm der RIAS-Moderator Gregor Rottschalk geschrieben, der Titel wurde in Westberlin aufgenommen.   
Doch ehe das den zuständigen Stellen in der DDR zu Ohren kam, war das Lied schon so populär, dass es kein Zurück mehr gab. „Ich hatte wohl großes Glück“, sagt Ziegler zurück schauend. Und das Glück hielt an, bis heute. Nicht in dem Sinne, dass dem Sänger alles zugeflogen wäre. Er ist ein harter Arbeiter, akribisch, mit viel Selbstdisziplin. Diese kam ihm besonders nach dem Fall der Mauer zugute. „Plötzlich waren Künstler aus dem Osten kaum noch gefragt. Angebote, die ich noch kurz vor der Wende von westdeutschen Plattenlabels hatte, platzten wie Luftballons. Doch ich steckte den Kopf nicht in den Sand, arbeitete in meinem Studio an neuen Titeln und produzierte sie auf eigene Kosten.“ Mit drei Songs reiste er 1992 zu Virgin nach München und hatte Erfolg. Neue Lieder kamen dazu und bald das erste Album nach der Wende „Weil ich dich liebe“, 1993 dann „Wir gehören zusammen“. 

Auch die folgenden Alben „Verführ mich“ oder „Willkommen im Leben“ liefen erfolgreich in den Charts. Auf die aktuelle 13. CD ist Ziegler besonders stolz. Denn „Alles & Jetzt!“ wurde von einem bekannten Musikproduzenten - seinem Sohn Martin de Vries - produziert. Fast 30 Jahre hatte Funkstille zwischen Vater und Sohn geherrscht, seit seine Exfrau Doris nach Holland ging. Martin war damals 7, die Verbindung riss ab. „Erst vor knapp drei Jahren sind Vater und Sohn wieder aufeinander zugegangen. Verbindendes Glied war die Musik. Martin hat auch die Mehrzahl der neuen Songs für den Vater komponiert („Verrückt“, „Genial“, „Alles & Jetzt!“, „Chaot“, „Es tut weh“, „Wahnsinnsgefühl“, „Sehnsucht“). Einige der Songtexte schrieb Martins Mutter Doris. Auch das Lied, das der CD den Namen gab: „Alles & Jetzt!“.

„Dieses Motto steht im Moment für mein Leben, privat wie beruflich“, sagt Wolfgang. „Ich versuche, ganz im Jetzt zu leben, den Augenblick zu genießen.“ Auch wenn er sich gern an die Anfänge erinnert – etwa erste Bühnenerfahrungen mit den „Baltics“, später mit WIR – schaut er vor allem nach vorn. Dennoch sei an dieser Stelle kurz an die Anfänge erinnert. Spielte Musik doch schon von Kindesbeinen an eine große Rolle für den späteren Sänger. „Ich wuchs in einer musikalischen Familie auf. Meine Mutter war Pianistin und so musste ich schon mit fünf Klavier lernen.“ Später war er froh darüber, begann schon in der Schule, mit Freunden Musik zu machen. Nach dem Motorenbauer mit Abi studierte er am Studio für Unterhaltungskunst und der Musikhochschule „Hanns Eisler“ Gesang und Komposition und gründete WIR.

Abb.: Große Erfolge feierte Wolfgang Ziegler zuerst mit der Gruppe „Wir“ (re.o.); neben Piano spielt er auch ausgezeichnet Gitarre, und das nicht nur heute (Mi.), sondern auch schon in ganz frühen Jahren (li.).

Fotos: Dittmann, Archiv

Trifft das Wortspiel „Vom WIR zum ICH“ für Zieglers berufliche Karriere zu (auch das 2006 erschienene Best of 30-Album heißt so), war es im Privaten genau umgekehrt: Als der seit 1979 in Berlin- Kaulsdorf lebende Sänger nach zwei gescheiterten Ehen (ein Sohn, zwei Töchter) vor 20 Jahren die Visagistin Jeanette kennen lernte, war er sich sofort sicher: Das ist die Frau fürs Leben, mit ihr möchte ich alt werden. Im verflixten 7. Jahr heirateten die beiden, Sohn Oliver ist heute 19. „Jeanette ist mein Spiegel, meine größte Kritikerin, wenn ich neue Titel schreibe“, lobt Ziegler seine junge Frau, die einen Kosmetiksalon betreibt. „Ich bin halt ein Spätentwickler“, bekennt der Sänger, „mein bewusstes Leben begann eigentlich erst mit 40“. 1984 hatte er mit Ute Freudenberg den Titel „Es gibt für mich kein fremdes Leid“ aufgenommen. 15 Jahre später hatte er ein einschneidendes Erlebnis, das ihn die Aussage seines Songs hautnah vor Augen führte. Bei einer Reise zu seinem Patenkind Vando in Brasilien wurde er mit einer für ihn bis dato unvorstellbaren Armut, mit Elend und Verzweiflung der Menschen konfrontiert. „Ich erkannte, dass wir trotz aller Probleme auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurden“, sagt der 65-Jährige, der rank und schlank wie eh und je ist, noch immer jungenhaft wirkt mit seinem Temperament und seinem ansteckenden Lachen. Dass er seit einem Jahr Opa ist, kratzte anfangs schon ein wenig an seinem Ego. „Aber das kann man ja schon mit 40 sein“, beruhigte er sich bald und freut sich, wenn er mit Enkelin Loulou ausgelassen herumtollen kann. Insofern lautet sein Motto nun: Vom ICH zum WIR.

Ingeborg Dittmann