Durchwachsene Frühlingsgefühle

Suzuki und Martin verlassen Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke, dafür brachte ein vertrackter Weisheitszahn Mutter und Tochter näher

Das erste Quartal 2010 wird vom Frühling verabschiedet, mit ihm der Winter. Wenn es jetzt noch mal schneit, dann ist es eine Laune des Aprils. Alles ganz pünktlich, so wie es in alten Zeiten war: Zu Ostern – wir sagten zu, nicht an – holte Mutti meine weißen Kniestrümpfe aus dem Schrank. Und wie damals kommen mir die Zeilen „Winter ade, scheiden tut weh“ in den Sinn, die ich beim Milchholen, die Kanne übermütig schwenkend, in den Karfreitagmorgen trällerte. Soweit so gut. Doch das „aber dein Scheiden macht, dass mir das Herze lacht“, klappt auch in diesem Jahr nicht ganz. Die Frühjahrsdepression sitzt wohl schon lauernd in den aufkeimen wollenden Knospen. Denn mein treuer Suzuki verabschiedet sich ebenfalls leise von mir. Baujahr 2002, 240 000 km. Reparaturen sind in diesem Alter nicht empfohlen, eins zieht das andere nach sich, eine Milchkanne ohne Boden. Wie bei einem alten Menschen, sagte Oma immer. Konnte sich mein Vehikel nicht verabschieden, als es noch die Abwrackprämie gab? Mein zweiter Untermieter Martin verlässt uns auch. Ein halbes Jahr war er Praktikant beim Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt, ein strebsamer Physikstudent, ein Kunstturner obendrein. Einer, mit dem ich zwar keine Pferde gestohlen, aber die dicken Wände meines Hauses durchbohrt habe, um das Internet-Netzwerk bis in den Keller zu legen. Ihm zu Ehren gab’s pünktlich zum Frühlingsanfang bei 8 Grad Außentemperatur ein abendliches Terrassenfest mit Grill und vorgezogenem Osterfeuer, das sein Nachfolger, ein sehr stiller, sehr bescheidener, sehr höflicher junger Mann aus Polen, schweigend hütete. Nachwuchsschauspieler Rene, der nun schon das zweite Jahr bei mir wohnt, war auch zugegen, nebenbei wild und wichtig telefonierend, immer laut und in fränkischem Dialekt schimpfend – auf Berlin, auf die Deutsche Bahn, auf den armen Herrn von und zu Guttenberg, der ihn zum Wehrdienst verpflichten will, auf das Chaos an seiner Schauspielschule ... Ich hab ihn in seiner jugendlichen Schrulligkeit inzwischen lieb gewonnen wie einen adoptierten Sohn. Apropos – Tochter Paula und Kater Toni leben auch noch! Meinem armen Kind wurde ein Weisheitszahn herausoperiert, und wir haben uns beide mal wieder gefragt, was dieses Gesundheitssystem aus den Ärzten gemacht hat. Zunächst wurde das Ungetüm, das sowieso raus musste, noch wurzelbehandelt. Ergebnis: Entzündung. Folgerichtig schlugen drei Spritzen von unserem Haus-, Hof- und Kabarettzahnarzt in Frankfurt nicht an, so dass er sie zum Chirurgen schicken musste. Der hat natürlich gesägt, Knochen aufgebohrt und genäht. Ergebnis: Dicke Backe. Entzündung. Antibiotika. Krankschreibung. Paulas Auftritt auf der Leipziger Buchmesse abgesagt. Ich weiß nicht, meine Weisheitszähne waren alle querverwurzelt und mussten aufgesägt werden. Trotzdem heilte alles komplikationslos auf natürliche Weise. Aber immerhin lagen Mutter und Kind dann einige Abende gemeinsam vorm Fernseher. Wir haben uns Filme aus der Videothek „reingezogen“, in Englisch natürlich, damit wir uns nicht ganz so tatenlos vorkamen. Ja, alles im Leben ist gut für etwas (Zitat Oma). Und vielleicht ist Paula mit dem Zahn auch die unglückliche Liebe gezogen worden, die sie den ganzen Winter mit sich herumgeschleppt hat. Womit wir bei den Frühlingsgefühlen wären. Für alle, die sich danach sehnen, ist pünktlich und aus Anlass schon erwähnter Buchmesse, Elfriede Vavriks „Nacktbadestrand“ – die Gegenoffensive zu Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ sozusagen – erschienen. Die 81jährige Elfriede schildert darin u.a. ihren ersten Orgasmus, den sie mit 79 hatte, nachdem sie sich auf Anraten ihres Arztes über Kontaktanzeigen mit 40-Jährigen traf. Abgesehen davon, dass ich glaube, dass sie dieses Thema bei Claire Goll in „Ich verzeihe keinem“ abgeschrieben hat, einem Buch, das ihr als Buchhändlerin und auch in ihrem Alter noch bekannt sein müsste, frage ich mich wirklich, warum sich diese Gesellschaft immer mehr sexualisieren muss. Ablenkungsmanöver von den wahren Problemen? Wer weiß. Ich jedenfalls werde nicht bereit sein, die Intimteile meiner verflossenen Liebhaber detailgetreu zu beschreiben, nur um wieder ein neues Buch in einem Verlag unterbringen zu können. Da schreibe ich lieber hier in jot w.d. weiter und bleibe Eure keusche Frühlingsfee Daggie, denn: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein! Friedrichshain – Der am 5. Januar mit gerade 62 Jahren so plötzlich verstorbene Komponist Franz Bartzsch war an diesem 7. März im „Kosmos“ mitten unter uns. Nicht nur dass der symphatische Musiker lächelnd von drei großen Leinwänden auf das Publikum schaute. Er war es vor allem mit seiner Musik. Fast zwei Dutzend Sänger, Musiker und Freunde interpretier- „Danke Franz!“ Im „Kosmos“ verabschiedeten sich Musiker von Franz Bartzsch ten seine Kompositionen – darunter Veronika Fischer, Angelika Mann, Dina Straat, Christiane Ufholz, Stefan Trepte, Werther Lohse, Tino Eisbrenner, Dirk Zöllner, IC, Wolfgang Lippert, André Herzberg, Jürgen Ehle, Günther Fischer und Ute Freudenberg. Rund 800 Besucher erlebten einen berührenden Abend, an dem die Vielseitigkeit, vor allem aber die Genialität der Musik von Franz noch einmal deutlich wurde. Viele seiner Popsongs sind längst zum Klassiker geworden – vom „Klavier im Fluss“ und „Wenn ich eine Schneeflocke wär“ über den „Blues von der letzten Gelegenheit“, dem „Champagnerlied“ und dem „Blues für ein Mädchen“ bis zu “Bin ein einfacher Mann“, „Tears of Ice“, „Ich glaub, es geht schon wieder los“ und dem wunderbaren „Wind trägt alle Worte fort“. Herausragend bei all dem Ute Freudenberg, deren Album „Puppenspieler“ von 2006 fast ausschließlich die musikalische Handschrift von Franz trägt. Und so trieb es einem trotz aller positiven Gefühle dann doch noch die Tränen in die Augen. Danke, Franz, für deine wunderbare Musik. I. Dittmann, Fotos: Nachtmann Dirk Zöllner, Dina Straat IC Falkenberg, Angelika Mann Tino Eisbrenner, Veronika Fischer Werther Lohse, Ute Freudenberg Kann doch nicht sein, dachte ich bei mir, und bekam die CD einfach nicht mehr ‘raus aus dem Player und aus den Ohren, das Radiogedudel hat seitdem keine Chance: Schon die ersten Takte des ersten Liedes „Alles rot“ atmen den Geist von Tamara Danz, auch wenn es religiös und übergeschnappt klingt. Aber Superlative sind gerade gut genug für diesen Geniestreich. Die Texte von Karma unterlaufen jede Kritik, deutschsprachige Rockmusik sei entweder vor Kitsch oder vor Gewalt triefend. Sie ist im Falle von Silly einfach anspruchsvoll und lyrisch zugleich. Dank einer überragenden Interpretin Anna Loos im Einklang mit Silly eine Wiederauferstehung von Tamara Danz in all ihren Facetten. Es wäre nicht zu glauben, würde man es nicht immer wieder hören: Wie haben die das nur hinbekommen? In dieser Musik fühle ich mich zuhause. U. Clauder Endlich wieder „Danzmusik“: Alles Rot, alles genial Noch betäub ich mich mit Fressen Saufen / renn wie’n Hamster ‘rum, um mir schönen Schrott zu kaufen / Noch leck ich dem Boss lieber das Maul, denn wer den Job verliert, dessen Party ist gelaufen / Noch mach ich das Schaf. Ich bin brav. Noch bin ich Rädchen im Apparat / Noch schläft meine Wut. Sie schläft gut. Noch. Aber sie träumt schon vom Attentat.