Umdenken tut not – nicht nur für den Moment

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke macht sich als strikte Gegnerin von Atomkraft Gedanken über Luxus, den wir uns alle eigentlich nicht leisten können

Land der aufgehenden Morgenröte. Ich sehe sofort den in rosa gefärbtes Sonnenlicht getauchten Rauch vor mir, der aus Japans zerstörten Atomkraftwerken aufsteigt. Womit hat dieses höfliche, fleißige Volk den Atomfluch verdient? Hiroshima. Fukushima - 2012. Die Prophezeiung.

Aber Japan ist weit weg. Noch leben wir. Und rufen, selbst aus der „Bravo“ heraus: Atomkraft – nein Danke. Und was hat dieses Land früher über die sich an Bahngleise ankettenden „Atomkraftspinner“ gelacht! Aber plötzlich werden Gesetze unterlaufen, Landesregierungen abgewählt. Jetzt, wo es zu spät ist. Wann lernt der Mensch endlich denken, denken zum richtigen Zeitpunkt!?

Um es gleich zu sagen: Ich bin seit jeher radikaler Gegner der Atomkraft. Ja, auch in der Medizin. Es muss andere Methoden geben, als das Risiko der Verstrahlung eingehen zu müssen. Ich glaube an Wind, Wasser, Sonne und Erde als Energiequellen. Da muss eben intensiver geforscht werden. Die Waffenindustrie hätte genügend Potential, dort einzusteigen – wenn der Profit aus den vielen Kriegen nicht wäre.

Aber machen wir uns nichts vor: Unsere Atomkraftwerke sind mindestens so „sicher“ wie die bei unseren Nachbarn - in Frankreich, Tschechien, Polen. Die Nachbarn werden uns fröhlich ihren Atomstrom verkaufen, wenn Deutschland aussteigt. Sehr teuer werden wir den Atomstrom dann einkaufen, sonst fallen wir zurück ins Mittelalter und sitzen abends nur noch bei Kerzenschein, behaupten die Energiekonzerne.

Und das ist das Problem. Wollen wir uns einschränken in unserem Luxus? Ja, Luxus: Spülmaschine. Waschmaschine. Kühlschrank. Mikrowelle. E-Herd. Warmes Wasser aus der Wand. Ging in meiner Kindheit alles noch ohne Strom.

Fernseher, Computer usw. usw. Könnten wir noch leben ohne Strom? Nein. Wir hätten nicht mal sauberes Wasser ohne Strom getriebene Pumpen, von der Abwasserproblematik will ich gar nicht sprechen.

Und wir werden uns wieder sprechen – in ein paar Monaten sagt man einfach: Ist doch wie mit dem Fliegen – wann stürzt schon mal eine Maschine ab? Wann gibt es in Deutschland schon mal ein Erdbeben oder einen Tsunami, der Kernkraftwerke außer Kraft setzt? Spricht noch jemand von der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko? So zynisch sind wir!

Ich habe einen Freund, der plötzlich zum Apokalyptiker wurde. Er tut mir fast leid, weil aus dem kreativen jungen Mann ein Besessener geworden ist, der irgendwie wirkt, als hoffe er, dass der Weltuntergang endlich kommt, damit er Recht behalten kann. Aber: Er hat recht! Monatlich ein Tag ohne Strom. Wäre das ein Anfang? Damit wir uns endlich besinnen – und nicht nur für den kurzen Moment des Erschreckens über die Katastrophen um uns herum.

Ich schalte jetzt den Computer ab. Auch weil ich verschnupft bin. Ich könnte das Wasser zum Inhalieren auf dem Holzkohlegrill heiß machen, die Wunderkräuter und Öle, die ich aus Marokko mitgebracht hatte, wirken lassen und statt im Internet die neuesten Filme anzuschauen, über Kartoffelanbau und Ziegenzucht nachlesen. Das klingt nach Kabarett. Aber ich meine es doch ernst!

Das Wasser koche ich trotzdem im Wasserkocher.

Eure hilflose Daggie