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Wo sind die feurigen Sizilianer?
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke wieder mal auf Reisen, diesmal auf den Spuren Goethes in Italien

Zwei Wochen Urlaub am Fuße des gemütlich vor sich hin paffenden Ätna – das ist einfach zu lange. Ich sage ja nicht, dass ich diese Tage nicht gebraucht hätte nach der Schilddrüsen-OP und dem anschließenden Stimmverlust, und ich sage auch nicht, dass ich – und die streunenden Katzen unten an der Bushaltestelle, die ich täglich vom kalten Bufett versorgt habe – die Tage nicht genossen hätten, aber nun ist es auch wieder gut mit der Ruhe und dem abendlichen Fernsehkonsum, der ja doch nur das macht, was der neue Bundesprediger, äh -präsident beklagt: eine Kultur des Verdrusses zur Leitkultur der Deutschen zu erheben. Ja, ein Kurschatten anstatt der Fernbedienung war hier eben nicht in Sicht. Obwohl ich reizende Mitrei sende hatte. Sogar einen angeblichen Buchautor aus München, der aber bei google nicht zu finden ist, sowie eine leicht esoterische Dickmadam, die sich mit ihrem bunten Outfit natürlich zu mir hingezogen fühlte, und die sich demnächst in Lyrik über ihre lebenslange platonische Liebe zu Peter Alexander ausleben will. 

Nun gut, was heißt eigentlich Ruhe? Ich hatte mir ja vorsorglich die Steuererklärungsunterlagen mit in den Kurlaub nach Sizilien genommen – und sie auch vorbildlich bearbeitet, auf meiner Sonnenterrasse mit Blick zum Meer. Und ich habe mir eine Diät verordnet und allen Verlockungen widerstanden: Dem Sekt am Frühstücks- und allen Eiskremvarianten am Abendbufett.

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So also sehen sie heute aus, die ehemals feurigen Sizilianer von Catania.
Foto: Gelbke

 Der Zeiger auf der hiesigen Waage hat sich dennoch um keinen Grad nach unten bewegt! Ich habe auch täglich im Fitnessraum am Rudertrainingsgerät geschwitzt und mich intensiv an der Wassergymnastik beteiligt. Und ich bin gewandert und gewandert, einmal 14 Kilometer am Stück über Stock und Stein, weil der ausgeschilderte Wanderweg von Forza d‘Agro, einem idyllischen Bergdorf, in dem einst „Der Pate“ gedreht wurde, plötzlich durch ein Tor mit der Aufschrift „Privado“ versperrt war. Und als ich auf dem Weg nach Agrigento in Catania aus dem Zug aussteigen musste, weil ich meinen Geldbeutel vergessen hatte, bin ich sechs Stunden durch diese leider grässlich heruntergekommene Stadt mit den einst wunderbaren Palazzos gepilgert, um dann völlig erschöpft wieder umzukehren. Der Eingebung sei Dank, hatte ich am Bahnhof von Letojanni, wo sich mein Hotel befindet, schon eine Rückfahrkarte gelöst.

 Ich wollte diese Reise schon immer machen, also seit 1989. Nicht, dass ich Goethe-Fan wäre. Was schreibt der gestelzt über Taormina? „Wenn man die Höhen der Felswände erstiegen hat, welche unfern des Meeresstrandes in die Höhe steilen.“ Aber wahrscheinlich haben seine Verse über das Land, wo die Zitronen blühn, doch Wünsche geweckt, zumal bei uns gelernten Ossis.

 Nun, als angehende Kulturwissenschaftlerin sollte es offensichtlich endlich klappen, und – wer je die Chance hat, diese oft im Briefkasten steckenden Billigangebote wahrzunehmen, sollte es tun. Das Hotel „Olimpo“ ist hoch oben, olympisch also, über der Stadt in den Felsen gebaut und hat irgendwie etwas von einem mit der Sintflut gestrandeten Luxusschiff.

 Und der alte Johann Wolfgang hatte schon Recht, wenn er die Schönheit der Insel pries, zumal er fast zur selben Jahreszeit wie ich hier kreuz und quer die Landschaft erkundete. Welch Abenteuer muss das per Postkutsche gewesen sein! Denn im Bus auf dem Weg nach seinem Girgenti, heute Agrigento, mit dem berühmten Tal der (gelben) Tempel sah ich eine sanft hügelige, weithin grün leuchtende Landschaft mit ordentlich angelegten Weizen- und Kaktusfeldern, unterbrochen durch rosa blühende Mandelplantagen und den immer Früchte tragenden Zitronen- und Apfelsinenbäumen. Und von den Bergkuppen grüßen Dörfer und Städte, von denen wahrscheinlich jedes und jede einen Besuch wert wäre.

 Anders ging es mir mit dem literarischen Reisebegleiter, den mir mein Professor Wolfgang in Ermangelung eines lebendigen Mitreisenden mit auf den Weg gab (meine Freundin Gudrun aus München hatte sich kurz vor Abflug das Bein gebrochen), denn die von Marianne Bachmeier in „Palermo, mi amore“ beschriebenen schönen Männer, die feurigen Sizilianer, sind hier nicht mehr zu finden. Aber vielleicht habe ich ja auch einen außergewöhnlichen Geschmack. Immerhin sind die Männer alle charmant, kommunikativ und (der Bahnhof Giardini-Naxos muss ein Nest sein) Tenöre! Alle, die mich dort, als ich auf meinen Zug wartete, bei meinem Espresso ansprachen – Tenöre! Was habe ich innerlich gelacht, aber nun weiß ich, was ich im Sommer machen werde: Ich fahre mal wieder – auch mit so einer Billigreise – zur Arena di Verona.

 Doch zunächst einmal wartet mein Garten auf mich, den ich über Ostern mit Hilfe von ein paar Freunden auf Vordermann bringen will, vielleicht gibt es auch das seit Weihnachten verschobene Karpfenessen – und dann beginnen endlich wieder Proben für neue Programme in Frankfurt/ Oder. In diesem Sinne ein fröhliches Ostereiersuchen, vielleicht hat das alte Hasentier ja schon den nächsten Kururlaub darin versteckt.

Eure Daggie, das Gelbke vom Ei