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Klasse verarscht

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke hadert zuweilen mit ihrer Rolle als „Spätstudentin“ und lädt zum Kabarettabend ein – jot w.d. verlost 2 Freikarten

Es ist immer viel zu früh, wenn jemand von uns geht. Peter Ensikat ist tot. Reinhard Lakomy ist tot. Die Zeit scheint schneller zu laufen im Moment – für meine Generation, die gerade noch Miniröcke kreierte und die Rockmusik erfand. Mir macht das Angst. Aber – Ellentie (Ellen Tiedtke) lebt! 83 ist sie geworden am 16. März und hat Tags drauf hellwach und laut applaudierend in unserer Vorstellung „Klasse verarscht“ gesessen. Natürlich habe ich sie auf die Bühne gezerrt, eine Laudatio gehalten und ihr Blumen überreicht. Und sie hat – zwar peinlich berührt – den Applaus genossen, was sie mir am nächsten Tag in langen Dankesreden auf dem Anrufbeantworter gestanden hat. Man vergisst es ja oft: Ellen Tiedtke war eine ganz große Distel-Kabarettistin, bis der Ärger mit den Genossen sie von dort vertrieben hat. Danach tourte sie durch die DDR mit großartigen Schlagerchansons wie „Fahr doch allein Karussell“ oder „Du bist ein feiner Mann“, bis wir uns in der Kinderproduktion des Friedrichstadtpalastes „Ferdinand wird Vater“ kennenlernten. Eigentlich habe ich von ihr mindestens genauso viel gelernt wie von Helga Hahnemann – wenn nicht sogar mehr - was Skurrilität und gestalterische Vielfalt betraf. Als Henne aus Treue zu Angela Gentzmer, ihrer Stammautorin, von Monika Jacobs geschriebene Berliner Lieder nicht singen wollte, schickte ich Ellen zu Moni. Daraus ist eine wunderbare Eterna-Schallplatte und eine immer noch währende Freundschaft geworden. Ja, soviel zur Geschichte der DDR-Unterhaltungskunst.

Apropos Geschichte: Ich habe mich bei meiner mündlichen Prüfung über die Heiligen in Spätantike und Mittelalter an der Fern-Uni in Hagen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ich wusste alle Zusammenhänge, aber eine einfache Begriffs-Definition hatte ich gerade nicht zur Hand – und um mehr ging es nicht! Aber ich habe den „Schein“. Nun noch fünfmal dieser Stress plus eine Abschlussarbeit – dann hätte ich den Bachelor in der Tasche (wovon manche Mädels in der gleichnamigen TV-Sendung ja träumen), so es das Schicksal gut mit mir meint. Ich war nach der Prüfung übrigens erst Mal krank, einfach, weil diese unterbewusste Frage „Warum tu ich mir das noch an?“ auf Galle, Magen und Leber geschlagen ist. Und „Was bringt es Dir?“ – auch so eine Frage aus dem Umfeld, die mich, als Oma sie noch stellte, ein Leben lang begleitet und von vielen Dingen, die mich einfach interessiert hätten, abgehalten hat. Da wir alle sterben müssen, ist es doch egal, was etwas bringt – mitnehmen kann man es sowieso nicht! Heute weiß ich das endlich. Und deshalb versuche ich, mehr und mehr Dinge zu tun, die mir gut tun: Lernen eben. Und mein inneres Kind pflegen. Wie kann ich mich begeistern, wenn ich wahrer Poesie begegne! Zum Beispiel in der „Zauberflöte“ in der Komischen Oper oder im Kino beim „Zauberer von Oz“, einer hinreißend inszenierten Vorgeschichte zum Original mit Judy Garland aus dem Jahre 1939. Das sind zwei Beispiele für Unsterblichkeit (die ich zum Beispiel Lackys „Traumzauberbaum“ auch wünsche). Mozart so modern und phantasievoll inszeniert – dem Meister hätte es gefallen. Und der neue Film, so liebevoll adaptiert er das alte Meisterwerk aus den Anfängen von Technicolor, so dass man getrost von „Pflege des klassischen Erbes“ sprechen kann. Ich bin froh, sagen zu können: Nein, heute ist nicht alles schlecht! 

gelbke1.jpg Selbst Mehdorn macht – Tegel betreffend – vernünftige Vorschläge. Und Schnee im März hatten wir auch früher öfter mal! Die bunten Ostereier sahen vor weißem Grund doch fast dekorativer aus als zwischen sprießendem Grün. Und auch wir sind nicht schlecht! Deshalb lade ich herzlich zu unserem Kabarettabend „Klasse verarscht“ am 20. April, 19 Uhr, ins Stadttheater Cöpenick, Friedrichshagener Straße 9, ein. Gert Kießling von der „Distel“ und ich freuen sich auf Euch.
Eure Daggie
(Karten 13/11 Euro, Tel.65 01 62 34 und an der Abendkasse. jot w.d. verlost 2 Freikarten. Postkarte bis 15. April an: jot w.d., Müllerstr. 45, 12623 Berlin